Dr. Oliver Nass, Vorsitzender der Ernst Leitz Stiftung, bei der Eröffnung des Optikjahres 2026 im Haus Friedwart. (Fotos: Stefan Dörsing)
Optikjahr 2026

Tradition, die inspiriert und verbindet

Am 22. Februar wurde das Wetzlarer Optikjahr 2026 im Haus Friedwart feierlich eröffnet. An diesem geschichtsträchtigen Ort hielt Dr. Oliver Nass, Vorsitzender der Ernst Leitz Stiftung, eine bemerkenswerte Rede, die aus der Vergangenheit schöpft und in die Zukunft wirkt.

„Tradition ist nicht das Halten der Asche, sondern das Weitergeben der Flamme.“ Mit diesem Gedanken, angelehnt an Jean Jaurès, heiße ich Sie herzlich willkommen zur Eröffnung des Optikjahres in Wetzlar.

Sehr verehrte Ehrengäste, Vertreter der Stadt, Gestalter und Freunde der Optikindustrie und liebe Familienangehörige, es freut mich, Sie aus diesem Anlass hier im Haus Friedwart begrüßen zu dürfen – jener Villa, die Ernst Leitz II zwischen 1914 und 1917 erbauen ließ – und die über Jahrzehnte das geistige und kulturelle Zentrum unserer Familie bildete. Ein Ort, an dem nicht nur meine Vorfahren lebten, sondern an dem sich Politiker, Forscher, Wissenschaftler, Fotografen, Künstler und Geschäftspartner aus aller Welt begegneten. In dieser Tradition möchte die Ernst Leitz Stiftung weiterwirken: zur Erhaltung des denkmalgeschützten Hauses als Ort des Dialogs, der Kultur, der internationalen Begegnung – und als Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Lassen Sie uns daher gemeinsam einen kurzen Blick auf die Anfänge der Optikindustrie in Wetzlar und den Beitrag der Familie Leitz werfen:

Die Geschichte der Optik in Wetzlar reicht bis ins Jahr 1849 zurück: Carl Kellner gründet mit seinem thüringischen Freund Moritz Hensoldt, den er aus seiner Zeit beim Unternehmen für optische Instrumente Repsold & Söhne in Hamburg kennt, im damals 5.000 Einwohner zählenden Wetzlar eine optische Werkstatt. Zu weiteren Gehilfen gehören auch Wilhelm Seibert, Cuno Rumann und Karl Junker, die sich alle später mit eigenen Firmen selbständig machen sollen. Kellner stirbt bereits 1855 an Tuberkulose und sein Gehilfe Friedrich Belthle führt die Werkstätte weiter – mit großen Schwierigkeiten. 1864 kommt dann mein Ururgroßvater, der damals 21jährige Ernst Leitz aus dem badischen Sulzburg – dank seiner Begegnung mit Karl Junker während der Gesellenwanderschaft - in den nahe dem Ruin stehenden Betrieb. Belthle hat zu dem Zeitpunkt noch 9 Mitarbeiter. Nur ein Jahr später fasst Ernst Leitz einen mutigen – historischen – Entschluss: Um den Betrieb vor dem Zusammenbruch zu retten, erwirbt er 50 Prozent der Anteile; 1869 wird er dann Alleininhaber. Es ist die Geburtsstunde der Leitz Werke! Übrigens, Ernst Leitz hat das Geld nicht von Banken erhalten, sondern von seinem Vater, dem Realschullehrer Ernst August Leitz, der seine gesamten Ersparnisse zur Verfügung stellt! Welch ein Mut des Vaters – und des Sohns!

Moritz Hensoldt verlässt Kellners Optische Werkstatt bereits 1852, um seinen eigenen Betrieb für Präzisionsoptik und Ferngläser im thüringischen Sonneberg zu gründen, den er dann 1865 nach Wetzlar verlegt. Die Familien Hensoldt und Leitz sollten von nun an den fulminanten Aufstieg Wetzlars zur Optikstadt entscheidend prägen!

Die führenden Köpfe der Familien- und Unternehmensgeschichte von Leitz.

Ernst Leitz macht innerhalb von drei Jahrzehnten das kleine Institut zum weltweit führenden Hersteller von Mikroskopen. Getreu seinem Leitmotiv „vom Anwender für den Anwender“ entwickelt er Mikroskope in enger Zusammenarbeit mit namhaften Wissenschaftlern. Zu seinen großen Leistungen gehört die Einführung der Serienproduktion; er nutzt dabei seine Beobachtungen als Geselle bei der Telegrafenfabrik von Matthias Hipp im schweizerischen Neuchâtel. Außerdem setzt er modernste Fertigungstechnologien ein – wie etwa ab 1883 eine zentrale Dampfmaschine mit Transmissionsriemen. Und schließlich werden in dieser Zeit bahnbrechende Innovationen entwickelt im Stativbau und der Mikrooptik – mit einer Anwendungsorientierung, die von der Biologie und Medizin hinaus über die Polarisation hin zur Mineralogie und Metallographie reicht. Das weltweit erste binokulare Mikroskop im Jahr 1913 repräsentiert sicherlich den Höhepunkt dieser Innovationskraft.

An seiner Seite steht von Anfang an seine Frau Anna, geb. Löhr aus Wetzlar: Sie führt die Buchhaltung und ist in alle wichtigen Entscheidungen eingebunden. Sie gilt auch als „Seele“ des Unternehmens in diesen Wachstumsjahren. Wir wissen, dass sie erst nach der Geburt ihres fünften Kindes aufhört, für alle Mitarbeiter zu kochen.

Ernst Leitz II, zweitältester Sohn, steigt 1906 ins Unternehmen ein und führt es ab 1920 allein – mit Weitsicht und Menschlichkeit. Er ist ein Unternehmer, der technische Innovationen vorantreibt, Mitarbeiter in ihren Talenten erkennt und fördert und soziale Verantwortung und Fürsorge lebt – in einer Zeit, in der beides keineswegs selbstverständlich ist. Mit seinem Namen verbinden wir alle den berühmten Satz „Ich entscheide hiermit: es wird riskiert“ den Startschuss zur Serienproduktion der Leica – trotz aller Argumente, die dagegensprachen. Oskar Barnacks geniale Konstruktion verbunden mit den leistungsstarken Objektiven von Max Berek machen die Leica zu einem Welterfolg und die Kleinbildfotografie zum globalen Standard. Als 1932 Agfa den Isochrom‑Film einführt, erweitern sich die kreativen Möglichkeiten schlagartig – und Leica wird zum Werkzeug der großen Fotografen des 20. Jahrhunderts, von denen einige wie Henri Cartier-Bresson, Alfred Eisenstaedt oder Germaine Krull auch hier in der Halle verweilen.

Unter Ernst Leitz III, der bereits 1930 als 24-Jähriger in die Geschäftsführung einsteigt, eröffnet sich das Unternehmen neue Geschäftsfelder. Neben Mikroskopie und Fotografie entstehen präzise optische Messinstrumente, die heute Teil des Portfolios von Hexagon sind; zudem werden maßgebliche Meilensteine in der Glasforschung erreicht. Sein Bruder Ludwig Leitz bringt als Nachfolger Oscar Barnacks fast 200 Patente hervor – darunter das legendäre Messsuchersystem mit automatisch wechselnden Leuchtrahmen und Parallaxausgleich. Mehr als vier Jahrzehnte leitet er als Geschäftsführer den Bereich Entwicklung bei Leitz. Seine künstlerische Ader als Bildhauer prägt insbesondere das Design der Leica M, das seit 1954 nahezu unverändert geblieben ist und eine geradezu mythische Strahlkraft entfaltet. Der jüngste der drei Brüder, Günther Leitz, macht sich insbesondere um die Weiterentwicklung des Vertriebes und den Aufbau des Leitz-Werkes in Kanada verdient.

Zu den vier Geschwistern zählt Elsie Kühn-Leitz, die bis auf eine kurze Periode nicht im Unternehmen beschäftigt ist. Dennoch entwickelt sie sich auf ihren zahlreichen Reisen zu einer „Botschafterin“ des Unternehmens und zuhause zur First Lady der Familie. Ihr Wirken im Sinne der Völkerverständigung – oft ohne Auftrag – ist gezeichnet von außergewöhnlichem Mut und großer Menschlichkeit; die ihr gewidmete Ausstellung im Stadtmuseum zeigt dies gerade sehr eindrücklich.

Mein Onkel Knut Kühn-Leitz repräsentiert die vierte und letzte Generation der Familie: er tritt 1965 in die Firma ein und ist von 1974 bis 1986 als alleiniger Gesellschafter der Familie in der Geschäftsführung. Die 1970er- und frühen 1980er-Jahre sind geprägt von wirtschaftlichen Krisen, Inflation, großen Wechselkursschwankungen und wachsender Konkurrenz aus Japan. Mit strategischen Partnerschaften – etwa mit Minolta im Bereich der Spiegelreflex- und Kompaktkameras und Wild Heerbrugg im Bereich der Mikroskope – sowie der Gründung des noch heute erfolgreich operierenden Werks in Portugal gelingt es ihm, das Unternehmen sicher durch diese Zeit zu steuern. Nach seinem Ausstieg aus dem Unternehmen widmet er sich der Aufbereitung der Familien- und Unternehmensgeschichte, was keiner so gut wie er hätte leisten können.

So wie die Familie Hensoldt, dessen Wetzlarer Unternehmen nun als Carl Zeiss Sports Optics firmiert, hat auch unsere Familie heute keine Eigentümerrolle mehr inne; die emotionale Verbundenheit bleibt dennoch tief verankert. Und es erfüllt uns mit Stolz zu sehen, wie gut sich die drei Nachfolgeunternehmen entwickelt haben:

Leica Camera, seit der Übernahme von Dr. Andreas Kaufmann wieder in Wetzlar angesiedelt und mehr denn je eine Ikone der Fotografie, deren Leica inzwischen eine weltweite Community hinter sich versammelt, wie wir es bei den 100-Jahr-Feierlichkeiten erleben durften.

Leica Microsystems, Teil der familiengeführten Danaher-Gruppe, einer der bedeutsamsten Anbieter von Mikroskopen der Weltklasse, verbindet ihr traditionelles Optik-Know-how mit State-of-the-art Software.

Leica Geosystems, Teil der Hexagon-Gruppe, weltweit führend in Vermessung und 3D‑Erfassung.

Leica Camera und Leica Microsystems stehen exemplarisch für die gewachsene Optikindustrie in Wetzlar, die heute über 70 Unternehmen und mehr als 5.400 Mitarbeitern vereint, mehr als Wetzlar am Anfang unserer Geschichte an Einwohnern hatte! Zählt man noch die Bereiche Elektronik und Mechanik dazu, kommt man auf über 8.000 hochqualifizierte Arbeitsplätze. Die Stadt ist damit eines der wichtigsten Optikzentren der Welt mit einer einzigartigen Dichte an Know‑how, Innovationskraft und Unternehmergeist.

Viele Unternehmen wurden von ehemaligen „Leitzianern“ gegründet: Märzhäuser Wetzlar, Befort Wetzlar, Weller Feinwerktechnik oder Viaoptic. Andere entstanden aus bestehenden Strukturen wie Leitz Cine oder die Ernst Leitz Werkstätten, die sich ebenfalls am Leitz-Park niedergelassen haben. Und wieder andere – wie Oculus Optikgeräte oder Satisloh – konnten auf die Branchenkultur und -expertise zurückgreifen, die sich um die Unternehmen Leitz und Hensoldt über Jahrzehnte aufgebaut haben. Wie wir sehen, tragen einige Firmen sogar Wetzlar im Firmennamen – ein Qualitätssiegel, das weltweit wie schon damals bei den Leitz Werken verstanden wird.

Meine Damen und Herren, diese hier nur skizzierte Geschichte und ihre Geschichten schwingen bei uns allen mit, wenn wir nun das Optikjahr in Wetzlar begehen. Es ist ein wunderbarer Anlass, alle Akteure zusammenzubringen – Unternehmen, Wissenschaft, Politik, Kultur und die Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt. Es zeigt, welchen Schatz Wetzlar besitzt: eine geballte Kompetenz, die Wohlstand schafft, eine beachtliche kulturelle Vielfalt ermöglicht und Weltoffenheit fördert.

Die nächsten Technologiesprünge bahnen sich an – man denke etwa an Quantensenorik, Hyperspektralsensorik, KI-Bildverarbeitung, Computational Imaging oder Lasertechnologien. Der Optikstandort Wetzlar ist hierfür hervorragend gerüstet. Der Rückblick auf die Geschichte ist uns dabei Quelle der Inspiration und Kraft, um diese Herausforderungen anzunehmen und sie an vorderste Stelle mitzugestalten.

Lassen Sie uns in diesem Sinne die Flamme, die Carl Kellner, Moritz Hensoldt, Ernst Leitz I bis III, Oskar Barnack, Max Berek und viele andere entzündet haben, weitertragen und gemeinsam ein inspirierendes, erfolgreiches und verbindendes Optikjahr in Wetzlar feiern!

Vielen Dank!

Weitere Informationen und Programm des Optikjahres 2026:

www.wetzlar.de