Juli 2015
Fotos: Ralf A. Niggemann
Sensitec

Curiosity Meets Opportunity

Überall dort, wo Bewegung kontrolliert und gesteuert wird, sind Sensoren von Sensitec im Einsatz – sogar auf dem Mars. Innerhalb kürzester Zeit hat es das bodenständige Unternehmen aus Lahnau geschafft, wahrlich hochfliegende Ideen zu entwickeln.

Beim Rundgang durch den Hauptsitz von Sensitec in Lahnau muss man zwangsläufig das Auge schärfen. Hier geht es nicht um tellergroße Produkte oder gar haushohe Aufbauten. Die Sensor-Systeme des Technologieunternehmens sind klein, die Komponenten und Module winzig, oftmals nur schwer mit dem bloßen Auge zu erkennen. Trotzdem ist ihre Wirkung unermesslich, die sie unter teils unmenschlichen Bedingungen entfalten. Zum Beispiel in fast zehn Kilometer tiefen Bohrlöchern für geologische Untersuchungen, wo es über 200 ºC heiß wird. Oder auf dem Mars, wo die Temperatur zwischen +27 und -133 ºC schwankt.

Sensor-Technologie von Sensitec auf dem Mars

In Lahnau entwickelt und fertigt die Firma Sensitec die kleinen, hochpräzisen magnetoresistiven Sensoren, die in dem Marsrover „Opportunity“ zum Einsatz kommen. Als er im Januar 2004 auf dem roten Planeten landete, wurde die Lebenserwartung des fahrbaren Roboters auf etwa 90 Tage veranschlagt. Aus rund drei Monaten wurden im Fall des Rovers „Opportunity“ bis heute über 10 Jahre. Mehr als 40 Kilometer hat er inzwischen geschafft – das ist die weiteste jemals zurückgelegte Strecke auf einem fremden Himmelskörper.

Dass der Roboter seine Arbeit auf dem Mars so hervorragend und sensationell lange verrichten kann, dazu tragen die Sensoren von Sensitec maßgeblich bei: Sie erfassen die Winkel und Positionen aller bewegten Teile und liefern die Signale zu deren Steuerung, so zum Beispiel die Winkelstellung der Räder oder die Aufhängung des robotischen Arms unter extremsten Bedingungen. Inzwischen ist ein weiterer Marsrover auf dem Mars gelandet – ebenfalls ausgerüstet mit hochmoderner Sensor-Technologie von Sensitec. Er trägt den Namen „Curiosity“ und unterstützt im Auftrag der NASA den älteren Bruder „Opportunity“ bei der Suche nach außerirdischem Leben.

Forschung und Entwicklung in der magnetoresistiven Technologie

Der größenmäßig winzige, aber beträchtliche Beitrag zum Gelingen dieser Mission erfüllt die Mitarbeiter von Sensitec mit Stolz. Und es fällt nicht schwer sich vorzustellen, dass die Mission des Lahnauer Unternehmens vor mehr als 15 Jahren unter ähnlichen Vorzeichen stand: Angetrieben von Neugier („Curiosity“), auf der Suche nach neuen Möglichkeiten („Opportunity“) wurde Sensitec 1999 gegründet. Die Ursprünge der Firma aber reichen noch weiter zurück. Ende der 1980er-Jahre wurde von Seiten der IHK und einiger Unternehmen der Region eine Initiative zur Schaffung innovativer Arbeitsplätze ins Leben gerufen. Daraus entstand 1989 das Institut für Mikrostrukturtechnologie und Optoelektronik (IMO) e. V., das sich in der Folgezeit intensiv mit der Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der magnetoresistiven Technologie beschäftigte. Sehr stark getrieben wurde das Projekt vom damaligen IHK Präsidenten Karl-Heinz Lust, der zehn Jahre später das Institut in die Sensitec GmbH integrierte.

Das junge Unternehmen startet erfolgreich und expandiert unaufhaltsam. Der Einsatz sogenannter MR-Sensoren in vielen industriellen und automotiven Serienanwendungen wird kontinuierlich weiterentwickelt und ausgebaut. 2004 übernimmt Sensitec die naomi technologies AG in Mainz, die zuvor von ehemaligen IBM Mitarbeitern gegründet wurde, und besitzt damit Europas modernste und leistungsfähigste Fabrik für AMR-, GMR- und TMR-Sensoren. Vier Jahre später wird das operative Geschäft und die Chipproduktion von Sensitec und Sensitec Naomi unter dem Dach der Sensitec GmbH an den Standorten Lahnau und Mainz zusammengefasst. Seit April 2013 ist die Sensitec GmbH Bestandteil der Körber-Gruppe, einem internationalen Technologiekonzern mit rund 11.000 Mitarbeitern und über zwei Milliarden Euro Jahresumsatz.

»Wir haben den ursprünglichen Charakter des Instituts, aus dem Sensitec hervorgegangen ist, bis heute beibehalten. Denn wir sind uns sehr wohl bewusst, dass Innovationsfähigkeit und Technologieführerschaft gerade in unserer Branche kein Luxus ist, den man sich gönnt, sondern eine ganz wesentliche Geschäftsgrundlage.«

Dr. Rolf Slatter

Sensorische Nutzung des AMR-Effekts

„Diese Erfolgsgeschichte basiert tatsächlich auf Neugier und der ständigen Suche nach neuen technologischen Möglichkeiten“, sagt Dr. Rolf Slatter, Geschäftsführender Gesellschafter der Sensitec GmbH. „Diese beiden Faktoren waren von Anfang an bis heute unser wichtigster Antrieb bei der Weiterentwicklung der magnetoresistiven Sensor-Technologie.“ Dabei ist die physikalische Grundlage dieser Technologie bereits mehr als 150 Jahre alt: Der sogenannte Anisotrope MagnetoResistive Effekt (AMR) wurde 1857 von dem britischen Wissenschaftler William Thomson entdeckt. Er basiert auf der Erkenntnis, dass sich der elektrische Widerstand eines Materials unter dem Einfluss eines Magnetfeldes verändert. Einem ähnlichen Prinzip folgen der wesentlich später beschriebene TMR-Effekt (Tunnel MagnetoResistive) sowie der GMR-Effekt (Giant MagnetoResistive).

„Die sensorische Nutzung dieser Prinzipien wurde erst vor rund 30 Jahren durch die Dünnschichttechnik möglich. Daraus resultierte die ureigene Geschäftsidee unseres Unternehmens“, erklärt Dr. Rolf Slatter. Die Eigenschaften der Technologie, die er hervorhebt, sprechen für sich: hohe Genauigkeit und Auflösung, gepaart mit Dynamik, Robustheit, Zuverlässigkeit, Integrationsfähigkeit und Energie-Effizienz. Trotzdem brauchte es einige Zeit, bis die Industrie das Potenzial der damals noch neuen Technologie erkannte. Davon ließ sich Slatter nicht entmutigen: „Wir mussten anfangs viel Überzeugungsarbeit leisten und unsere Kunden zum Umdenken bewegen. Aber unsere magnetoresistiven Sensoren haben sich in der Praxis so gut bewährt, dass sich viele Kunden gerne überzeugen ließen.“

Innovationsfähigkeit und Technologieführerschaft als Geschäftsgrundlage

2009 kam der Durchbruch, als der Automobilzulieferer Continental seine ABS-Sensoren mit der magnetoresistiven Technologie bestückte. Inzwischen beliefert Sensitec die weltweite Automobilindustrie. Über die Jahre wurde die Leistungsfähigkeit der Sensoren in allen Belangen weiter verbessert. Für verschiedenste Anwendungsbereiche und extremste Einsatzbedingungen – in der Automobilindustrie und in der Luft- und Raumfahrt, in der Laser-, Kamera- und Medizintechnik, bei Fotovoltaik- und Windkraftanlagen. „Wenn man so will, haben wir den ursprünglichen Charakter des Instituts, aus dem Sensitec hervorgegangen ist, bis heute beibehalten. Denn wir sind uns sehr wohl bewusst, dass Innovationsfähigkeit und Technologieführerschaft gerade in unserer Branche kein Luxus ist, den man sich gönnt, sondern eine ganz wesentliche Geschäftsgrundlage“, so Dr. Rolf Slatter.

Auch deshalb engagiert sich Sensitec seit vielen Jahren in zahlreichen nationalen und internationalen Forschungsprojekten. Hier wird die Grundlage geschaffen für neue Produkte und Schlüsseltechnologien – in der Medizintechnik oder Lasertechnologie, in der Mobilität oder im Energiesektor. Dazu gehört etwa der Einsatz spezieller MR-Sensoren für die Vereinfachung der Immundiagnostik, aber auch die Entwicklung industriell nutzbarer magnetoelektronischer Funktionseinheiten. Oder eben die Steuerung eines fahrbaren Roboters auf dem Mars. Schwer zu sagen, welche dieser zukunftsweisenden Entwicklungen den Menschen am meisten weiterbringen wird. So viel aber ist klar: Ein Unternehmen aus Lahnau wird daran maßgeblichen Anteil haben.

www.sensitec.com