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Nachhaltige Initialzündung

THM

Die neue Stiftungsprofessur für Optische Technologien ist erfolgreich auf den Weg gebracht. Im Interview äußern sich Ralf Niggemann, Sprecher des Stiftungsrats, Andreas Tielmann, Hauptgeschäftsführer der IHK Lahn-Dill, und THM-Vizepräsident Prof. Dr. Klaus Behler zu gemeinsamen Überzeugungen und Zielen.

W3+: Können Sie zurückverfolgen, wann und wie die Idee einer Stiftungsprofessur für Optische Technologien an der Technischen Hochschule Mittelhessen geboren wurde?

Klaus Behler: Es gab im Jahr 2012 eine Art Initialzündung, als der damalige Hessische Minister der Justiz, für Integration und Europa Jörg-Uwe Hahn die Unternehmen der Region besuchte. Im Gespräch mit den Unternehmern regte er an, eine Optikprofessur in der Region einzurichten. Diesen Gedanken haben wir gerne aufgegriffen.


W3+: Das heißt, die Politik gab den eigentlichen Anstoß?

Andreas Tielmann: In gewisser Weise ja. Den Wunsch der Unternehmer und Verbände, die Ausbildung und Forschung im Bereich Optische Technologien zu verstärken, gab es schon seit geraumer Zeit. Gemeinsam mit dem Wetzlar Network und der THM haben wir die Initiative ergriffen, entsprechende Möglichkeiten für eine solche Professur zu konkretisieren. Entscheidend war, dass wir das gemeinsam angepackt haben und damit die Basis für eine breite Unterstützung schaffen konnten.


W3+: Die Saat fiel also auf einen fruchtbaren Acker, wenn man das so sagen darf.

Ralf Niggemann: Wo ein Wunsch oder Wille ist, ist ja nicht unbedingt auch ein Weg. Zumal wenn man berücksichtigt, dass die optischen Unternehmen in unserer Region mit ihren verschiedenen Profilen und Stärken durchaus unterschiedliche Vorstellungen und Ziele verfolgen. In vielen Einzelgesprächen haben wir die Bedarfe ermittelt, um daraus so etwas wie ein gemeinsames Interesse abzuleiten.


W3+: Ein gemeinsames Interesse der Unternehmen an einer Professur für Optische Technologie betrifft den drohenden Fachkräftemangel.

AT: Die fachliche Qualifizierung von Nachwuchskräften, die die hochspezialisierten Unternehmen der Region so dringend brauchen, ist in der Tat ein zentrales Anliegen. Die Firmen konkurrieren heute ja nicht mehr nur um die besten Produkte und Technologien, sondern auch um die besten Fachkräfte. Renommierte Konzernunternehmen in der optischen Industrie wie Leica Camera, Leica Microsystems oder Carl Zeiss Sports Optics sind begehrte Arbeitgeber. Die weniger bekannten Betriebe im Bereich Industrieoptik haben es da schwerer, auch wenn sie vielfach in ihrem Geschäftsfeld zu den Branchenführern zählen.
Mit der Stiftungsprofessur wollen wir also den Fachkräftenachwuchs in der Region fördern, aber auch überregional bei Studierenden und Absolventen die Aufmerksamkeit für die umfassende optische Kompetenz in der Region schärfen. Sie an der Technischen Hochschule Mittelhessen auszubilden und nach dem Studium an die Region zu binden, würde die Unternehmen im Wettbewerb um die besten Fachkräfte enorm stärken.

KB: Die Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen ist für die Zukunft des Technologiestandorts Mittelhessen entscheidend. Neben der lern- und lehrzentrierten Zielrichtung geht es bei der Einrichtung der Stiftungsprofessur und des Anwenderzentrums um die Zukunft der Region und deren Innovationsfähigkeit. Deshalb spielt die Forschung im Rahmen der Stiftungsprofessur und des Anwenderzentrums eine zentrale Rolle. Von dieser Ausrichtung wollen und sollen die Unternehmen unmittelbar profitieren.


W3+: Der Kreis der privatwirtschaftlichen Unterstützer ist groß. Haben Sie mit dieser überaus positiven Resonanz gerechnet?

RN: Das Engagement der Unternehmen ist nicht überraschend, aber wirklich überragend. Als wir die ersten Stifter im Boot hatten kam eine richtige Welle ins Rollen. Wir freuen uns besonders, dass wir nicht nur auf eine großzügige sondern auch breite Unterstützung zählen können. Neben Leica Microsystems, Leica Camera und OptoTech Optikmaschinen konnten wir bislang auch Schölly Micro Optics, Schmidt & Bender, Heraeus, Werth Messtechnik, Carl Zeiss Sports Optics, Schneider Optikmaschinen sowie IPG Laser und Minox gewinnen. Die von den Unternehmen zugesagte Fördersumme beläuft sich inzwischen auf fast 200.000 Euro jährlich über einen Zeitraum von fünf Jahren. Weitere Firmen haben ebenfalls ihr Interesse bekundet, der Kreis der Stifter ist natürlich noch nicht geschlossen.


W3+: Stadt und Land haben ebenfalls Unterstützung in Aussicht gestellt.

AT: Das ist richtig. Wir haben mit den Entscheidungsträgern auf kommunaler, regionaler und Landesebene wichtige Gespräche geführt. Zudem unterstützt der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft unsere Initiative ausdrücklich. Dass die strukturellen Voraussetzungen für eine Stiftungsprofessur in der Optikregion Mittelhessen optimal sind, haben alle Beteiligten erkannt. An die positiven Signale von Seiten der Ministerien des Landes werden wir auch nach dem Regierungswechsel anknüpfen. Momentan geht es hier vor allem darum, bestehende Bundesprogramme und die mit dem Beginn der neuen EU-Förderperiode 2014-2020 geltenden Programme und Richtlinien zu prüfen. Wir sind sehr optimistisch, dass das große privatwirtschaftliche Engagement auch von den politischen Instanzen begrüßt und entsprechend unterstützt wird.


W3+: Was ist das Besondere an der neuen Stiftungsprofessur?

RN: Wir wollen die Forschung und Lehre an der Hochschule mit der Forschungs- und Entwicklungskompetenz der Unternehmen zusammenführen. Das Spezifische an der Stiftungsprofessur ist, dass hier nicht ein einzelner Großkonzern von der Kooperation mit der Hochschule profitiert, sondern auch die kleineren Kompetenzträger der Industrieregion. Das inzwischen gängige Modell, dass ein Unternehmen oder Konzern eine Stiftungsprofessur an einer Hochschule einrichtet, wird ja in den USA schon seit Jahrzehnten erfolgreich praktiziert. In unserem Fall ziehen mehrere unterschiedlich große Unternehmen an einem Strang, um gemeinsam eine Stiftungsprofessur zu realisieren.


W3+: Fällt es da nicht besonders schwer, ein Kompetenzprofil für die Stiftungsprofessur zu definieren?

KB: Unser Ziel ist es, das Feld der optischen Technologien nicht nur in der Breite abzudecken, sondern auch in der Spitze. Um optische Technologien weiterzuentwickeln, muss man immer neue Felder aufdecken und erschließen. Das heißt, die Stiftungsprofessur soll sich den physikalischen Grundlagen widmen, die wiederum für die anwendungsorientierte Forschung wichtig werden könnten. Diese Spitzenforschung, die weit in die Zukunft reicht, in Zusammenarbeit mit den Kompetenzzentren der THM zu steuern und sie in anwendungsbezogenen Projekten mit den Unternehmen zu moderieren, gehört zu den Kernaufgaben der Stiftungsprofessur. Das Stellenprofil wird also ebenso komplex wie anspruchsvoll sein.


W3+: Sie haben die bestehenden Kompetenzzentren der Technischen Hochschule Mittelhessen erwähnt – wird also die neue Stiftungsprofessur gewissermaßen in die bisherige Hochschulstruktur der THM integriert?

KB: Die Voraussetzungen für eine Stiftungsprofessur Optische Technologien an der Technischen Hochschule Mittelhessen sind geradezu ideal. Unsere Kompetenzzentren für Optische Technologien und Systeme, für Nanotechnik und Photonik, aber auch für Werkstoffwissenschaften oder Informationstechnologie bilden dafür die Grundlage. Die Stiftungsprofessur könnte dieses hochschulinterne Forschungsnetzwerk in der Spitze noch einmal deutlich schärfen – mit einem Schwerpunkt auf naturwissenschaftliche Grundlagen sowie optische Systemtechnik, Messtechnik und Optikfertigung.
Eine wichtige Rolle spielt dabei das geplante Anwenderzentrum. Es wird sozusagen das Herzstück der Forschung und die zentrale Plattform für den Technologietransfer zwischen der Hochschule und der Industrie. Unabhängig von dem Stiftungsmodell wird den Unternehmen hier die Möglichkeit eröffnet, anwendungsorientierte Projekte durchzuführen. Davon versprechen wir uns eine große Dynamik, natürlich verbunden mit einer ausgewiesenen Diskretion, was den Knowhow-Transfer zwischen der Hochschule und den kooperierenden Unternehmen anbelangt.


W3+: Wie und wo ist das Anwenderzentrum geplant?

RN: Mögliche Standorte für das Anwenderzentrum werden im Rahmen der Hochschulentwicklung der THM derzeit geprüft. Ein Großteil der stiftenden Unternehmen stammt aus Wetzlar. Die Stadt hat erkannt, welche Chancen die Einrichtung des Anwenderzentrums eröffnen, um die „Optikstadt“ Wetzlar noch weiter nach vorn zu bringen. Allerdings ist das Projekt mit nicht unerheblichen Investitionen verbunden. Bei Gebäude und Laborausstattung sprechen wir über eine Summe von rund 4 Millionen Euro.


W3+: Was sind die nächsten Schritte?

KB: Wir werden im Frühjahr das Kompetenzprofil für die Professur in Abstimmung mit dem Stiftungsrat ausarbeiten und eine entsprechende Ausschreibung formulieren. Parallel dazu werden wir auf der Grundlage eines Konzeptprojekts den institutionellen Rahmen für das Anwenderzentrum abstecken, damit zu einem späteren Zeitpunkt die konkrete Ausgestaltung der Stiftungsprofessur und des Anwenderzentrums Hand in Hand gehen können. Dessen technische Ausstattung ist dann Aufgabe der Professorin oder des Professors und der Hochschule.


W3+: Die Stiftungsprofessur und das Engagement der Stifter sind zunächst auf fünf Jahre ausgerichtet. Ab wann läuft die Uhr?

RN: Die Uhr läuft bereits. Den Stiftern kann es gar nicht schnell genug gehen. Das zeigt umgekehrt, welch hohen Stellenwert die neue Stiftungsprofessur und das geplante Anwenderzentrum genießen.

AT: Das alles braucht natürlich seine Zeit. Wir wollen mit dem Projekt ja kein Denkmal bauen, sondern einen Prozess anschieben. Das tun wir mit großem Nachdruck. Gleichzeitig aber wollen wir sicherstellen, dass diese einzigartige Initialzündung nicht verpufft, sondern nachhaltig wirkt – und zwar weit über den Zeitrahmen von fünf Jahren hinaus. Nur dann können wir die positiven Effekte erzielen, die wir uns für die Unternehmen, den Hochschulstandort und die ganze Region erhoffen.



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