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Ernst Leitz I

Stadt Wetzlar

Am 26. April 2013 jährte sich der Geburtstag von Ernst Leitz I zum 170sten Mal. Eine Ausstellung im Neuen Rathaus Wetzlar erinnerte an sein Leben und die Meilensteine seines Schaffens.

Es ist ein Blick, dem man kaum ausweichen kann. Die wachen Augen des Porträtierten prägen das Bild einer souveränen und entschlossenen Unternehmerpersönlichkeit. Den Pinsel führte der Maler Georg Tronnier. Der Porträtierte ist kein Geringerer als Ernst Leitz I. Tronnier fertigte das Gemälde nach einer Fotografie an, die mit dem Datum „Neujahr 1911“ überschrieben ist. Ernst Leitz I war damals also fast siebzig Jahre alt. Und doch: von Altersmüdigkeit oder anderen Ruhestandsmotiven keine Spur.

Die Anfänge des „Optischen Instituts“

Das, was war, und was Ernst Leitz I dort hin gebracht hat, wo er im Alter von fast siebzig Jahren stand, ist nach wie vor unermesslich. 1864 kommt der gelernte Mechaniker über Neuchâtel nach Wetzlar, wo er als Geselle im „Optischen Institut“ von Friedrich Belthle eingestellt wird. Mit den Ersparnissen seiner Eltern und der eigenen Tüchtigkeit kann Leitz den kleinen Betrieb vor dem sicheren Untergang bewahren. Er wird zunächst Teilhaber und nach dem Tod von Friedrich Belthle Eigentümer der Werkstatt, die fortan unter dem Namen „Optisches Institut von Ernst Leitz“ firmiert. Zu diesem Zeitpunkt ist Leitz 27 Jahre alt. Das technische und kaufmännische Geschick scheint dem Jungunternehmer von Beginn an in die Wiege gelegt zu sein. Unerreicht aber ist seine Innovationskraft, die ihn antreibt und letztlich dazu führt, dass aus der Werkstatt ein Unternehmen mit Weltruf heranwächst.

Auch Knut Kühn-Leitz, inzwischen selbst über siebzig, staunt immer wieder aufs Neue, wie groß und unbändig der Unternehmergeist seines Urgroßvaters gewesen sein musste. Umso mehr sieht er sich gezwungen, sich zu beschränken, wenn es um die Ausstellung anlässlich des hundertsiebzigsten Geburtstags von Ernst Leitz I im Neuen Rathaus Wetzlar geht. Als wir ihn zum Gespräch treffen, laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren. Gemeinsam mit den einschlägigen Leitz-Experten Rolf Beck und Günter Osterloh werden Exponate zusammengetragen und Begleittexte formuliert. „Wir haben uns darauf geeinigt, dass die Ausstellung neben dem Geburtstag von Ernst Leitz insbesondere die Meilensteine in der Mikroskopie in Erinnerung rufen soll, für die das Unternehmen und die Person Leitz steht“, so Knut Kühn-Leitz.

Das Jahrhundert der Wissenschaft – und der Mikroskopie

Von Beginn an treibt Ernst Leitz I die technische und optische Weiterentwicklung des Mikroskops persönlich voran, die technischen Möglichkeiten und Erfordernisse seiner Zeit fest im Blick. Das 19. Jahrhundert ist das Jahrhundert der Wissenschaft. Zu den bahnbrechenden Ereignissen zählen insbesondere die Entdeckungen des Tuberkelbazillus durch Robert Koch (1884) und des Diphterie-Erregers durch Friedrich Löffler (1884). Je weiter die Wissenschaft in die Erforschung von Mikroorganismen vordringt, desto leistungsfähiger muss die Mikroskopie sein. Rolf Beck sieht darin einen Schlüssel zum Erfolg: „Ernst Leitz war es ein besonderes Anliegen, durch seine engen Kontakte zu den Anwendern Innovationen zu realisieren, die sein Unternehmen zum Trendsetter in der Mikroskopie machten.“

Technische und optische Neuerungen in der Mikroskopie

Unter diesen Prämissen entwickelte Leitz das sogenannte „Stativ I“, das 1876 auf den Markt kam und aufgrund seines richtungsweisenden technischen Aufbaus zum Vorbild für viele nachfolgende Mikroskopgenerationen werden sollte. Die markantesten Neuerungen bestanden in dem mit Blei ausgegossenen Hufeisenfuß und einem Gelenk zwischen Stativfuß sowie Tubus und Objekttisch; hinzu kam der Objektivrevolver für einen schnellen Vergrößerungswechsel.

Neben diesen technischen und ergonomischen Neuerungen bestand die wohl größte Herausforderung der Mikroskopoptik darin, durch lichtstarke Systeme die Sichtbarkeit im Mikrobereich zu erhöhen. Dazu muss man wissen, dass im „vorelektrischen“ Zeitalter ausschließlich bei Tageslicht oder im Schein von Petroleum- oder Gaslampen mikroskopiert wurde – bis um die Jahrhundertwende bei Leitz Kohlebogenlampen die Tageslichtbeleuchtung ersetzten und damit die Anwendungsmöglichkeiten des Mikroskops erheblich steigerten.

Höhere Auflösung und Detailschärfe

Darüber hinaus arbeitete Leitz gemeinsam mit seinen Werkmeistern unter Hochdruck daran, die optische Leistung der Mikroskopobjektive entsprechend der Erfordernisse der Wissenschaft kontinuierlich zu verbessern. Apochromatisch korrigierte Objektive führten zu einer deutlich höheren Auflösung des Bildes. Zu den Trockenobjektiven kamen Wasser- und Ölimmersionsobjektive, die eine verbesserte Detailschärfe des Bildes insbesondere bei hohen Vergrößerungen brachten. Das Ölimmersionsobjektiv „1/12 Öl“, das 1885 auf den Markt kam, wurde zu einem der erfolgreichsten Objektive von Leitz.

1907 erschien Leitz mit einer hochauflösenden Dunkelfeldbeleuchtung auf der Grundlage eines bizentrischen Spiegelkondensors. Sie machte kleinste lebende und ungefärbte Objekte, wie etwa den Syphilis-Erreger, leuchtend auf schwarzem Untergrund sichtbar. Das neuartige Verfahren wurde patentiert. Dessen Herzstück, der eigens für diesen Zweck entwickelte Spiegelkondensor, avancierte 1913 zum ersten Warenzeichen von „E. LEITZ WETZLAR“.

Das erste voll funktionsfähige Binokularmikroskop der Welt

Dieses Jahr, in dem Ernst Leitz I seinen siebzigsten Geburtstag feierte, war geprägt von einer abermals wegweisenden Entwicklung, die sein Sohn Ernst Leitz II maßgeblich auf den Weg brachte: das erste voll funktionsfähige Binokularmikroskop der Welt. Leitz schlug für die Entwicklung ein Prismensystem mit physikalischer Strahlenteilung vor, das eine genaue Aufteilung des Lichtstrahls in zwei Teile gleicher Helligkeit bewirken sollte. Er beauftragte Felix Jentzsch, Privatdozent an der Universität Gießen und wissenschaftlicher Assistent der Leitz-Werke, seine Idee in die Praxis umzusetzen. Das neue Binokularmikroskop wurde 1913, also vor genau hundert Jahren, vorgestellt.

Die vielen Forscher und Laboranten, die mehrere Stunden täglich mikroskopierten, wussten die neuen Binokularmikroskope sehr zu schätzen. „Es folgte ein unvergleichlicher Siegeszug“, so Knut Kühn-Leitz. „Schon bald wollte kein Arzt oder Naturwissenschaftler nur noch mit einem Auge mikroskopieren.“ Schließlich war das Beobachten mit einem Auge beschwerlich. Hinzu kam, dass das monokulare Mikroskopieren die Augen unterschiedlich beanspruchte und infolgedessen nicht nur zu Beobachtungsfehlern, sondern auch zu Sehschäden führen konnte. Mit dem neuen Binokularmikroskop hatte Leitz nun den Wissenschaftlern ein Instrument an die Hand gegeben, das in vielerlei Hinsicht deren Arbeit revolutionierte: Es lieferte gleichmäßig ausgeleuchtete und wesentlich ausdrucksvollere Bilder. Zudem war es auf die Anwendung sämtlicher Objektive einschließlich der stärksten Öl-Immersionen ausgerichtet. Vor allem aber war das beidäugige Beobachten wesentlich bequemer und auf Dauer gesünder.

Ernst Leitz I als Unternehmer und Ideengeber

Angesichts dieser Vielzahl von hochspezialisierten Innovationen wirkt es umso erstaunlicher, dass Ernst Leitz I als Unternehmer und Ideengeber nie nur das Einzelne im Blick hatte sondern immer das große Ganze. Oder, um im Bild zu bleiben: Sein Auge war niemals nur auf den Präzisionskreuztisch eines Mikroskops gerichtet, sein Weitblick erinnert eher an das Sichtfeld eines Weitwinkelobjektivs. So erschloss er neben der Biologie und Medizin neue Anwendungsbereiche, wie etwa die Geowissenschaften und Mineralogie oder auch die industrielle Anwendung der Mikroskopie. Die Ausweitung des Portfolios an mikroskopischen Instrumenten, die aus heutiger Sicht fast zwangsläufig und logisch erscheint, war seinerzeit nicht selten mit Vorbehalten oder schlaflosen Nächten verbunden. Unter diesen Vorzeichen veröffentlichte Ernst Leitz I im Jahr 1881 das erste Schlittenmikrotom, um möglichst dünne Querschnitte von Objekten oder Präparaten für das Durchlichtmikroskop herstellen zu können. 1885 brachte er die ersten Polarisationsmikroskope für geologische und mineralogische Untersuchungen auf den Markt.

Das „Große Stativ A“ von 1919 wiederum war das weltweit erste Mikroskop im Baukastenprinzip. Durch eine Vielzahl von perfekt aufeinander abgestimmten Mikroskopkomponenten konnte jeder Anwender das Instrument seiner Wahl individuell zusammenstellen und ausrüsten; das Baukastenprinzip erlaubte sogar, ein biologisches Durchlichtmikroskop in ein Polarisations- oder Metallmikroskop zu verwandeln. Wenn man bedenkt, wie sehr die heutigen Marketingstrategen die Errungenschaften der Individualisierung und Flexibilität preisen, dann war Ernst Leitz auch in diesem Punkt seiner Zeit um Lichtjahre voraus.

Industrielle Fertigung für weltweite Kunden

Dies gilt im selben Maße, wenn man sich den Status des Unternehmens als „Global Player“ vor Augen führt. Schon früh hatte Ernst Leitz I erkannt, wie wichtig der weltweite Vertrieb und Export von Mikroskopen sein würde. Die erste Auslandsniederlassung von Leitz wurde 1893 in New York gegründet. Weitere Tochtergesellschaften folgten in Chicago, London und St. Petersburg. Die erste Auslandsvertretung hatte bereits 1891 in Finnland ihre Geschäftstätigkeit aufgenommen. Dass die Briten ab 1887 deutsche Hersteller per Gesetz verpflichteten, ihre Produkte mit dem Schriftzug „Made in Germany“ zu kennzeichnen, um die Käufer vor minderwertiger Importware zu warnen, kann man angesichts der weltweit hoch geschätzten Technologiestandards aus dem Hause Leitz nur mit Schmunzeln quittieren.

Neben der Qualität der Produkte legte Ernst Leitz großen Wert darauf, der steigenden Nachfrage durch eine entsprechend hochwertige industrielle Fertigung gerecht zu werden. Anstelle der handwerklichen Einzelfertigung stellte er den Betrieb auf das sogenannte Verrichtungsprinzip um. Das heißt, eine Baugruppe oder ein Mikroskop wird nicht mehr nur von einer einzelnen Person gefertigt und montiert, sondern die Arbeitsschritte werden von Mitarbeitern ausgeführt, die dafür besonders ausgebildet und qualifiziert sind. Einen weiteren Produktionsschub brachte 1883 der Einsatz einer zentralen Dampfmaschine, ab 1894 einer Dampfturbine.

Im Zuge dieser Entwicklungen konnte zwischen 1881 und 1900 die Jahresproduktion von 350 auf 4.000 Mikroskope mehr als verzehnfacht werden. Zur Jahrhundertwende war Leitz mit 55.000 verkauften Mikroskopen der größte Mikroskophersteller der Welt. Bis 1912 sollte die Jahresproduktion auf fast 12.000 Mikroskope ansteigen.

Eine außergewöhnlichen Persönlichkeit als Mensch und Unternehmer

Allein schon diese Zahlen verdeutlichen, dass eine solche unternehmerische Erfolgsgeschichte in Deutschland und darüber hinaus ihresgleichen sucht. Dass Ernst Leitz I Wirtschaftsgeschichte geschrieben hat, ist unbestritten. Das Bild dieser souveränen und entschlossenen Unternehmerpersönlichkeit wäre jedoch unvollständig, wenn man dessen menschliche Seite unerwähnt ließe. Für seine Mitarbeiter und deren Familien gründete Ernst Leitz 1885 eine zusätzliche Unterstützungskasse, die in besonderen Notfällen einsprang; 1899 stiftete er eine Invaliden-, Witwen- und Waisenkasse. Bereits 1906, also zwölf Jahre vor dem gesetzlichen Inkrafttreten, führte er den Acht-Stunden-Arbeitstag ein.

Seine unternehmerische Fähigkeiten und das herausragende Engagement für seine Mitarbeiter sowie für die Gesellschaft machten Ernst Leitz I zu einem Souverän im besten Sinne: Er war in der Tat einer, der „über allem steht“ – nicht etwa, weil er sich selbst über alle hinweggesetzt hätte, sondern weil man einfach den Hut ziehen muss vor dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit, deren Tun und Schaffen die gängige Vorstellung von einer Lebensleistung bei Weitem übersteigt.

 

Veranstaltung:

Ernst Leitz I
„Vom Mechanicus zum Unternehmer mit Weltruf“

26.04. - 14.06.2013
Neues Rathaus
Ernst-Leitz-Straße 30
35578 Wetzlar

 

Vorträge:

Freitag, 3. Mai 2013, 18 Uhr, Dr. Knut Kühn-Leitz: „Ernst Leitz I – vom Mechanicus zum Unternehmer von Weltruf“
Freitag, 17. Mai 2013, 18 Uhr, Ernst-Michael Leitz: „Von der Handarbeit zur industriellen Serienfertigung“
Freitag, 24. Mai 2013, 18 Uhr, Dr. Ulrike Enke, Emil-von-Behring-Bibliothek, Arbeitsstelle für Geschichte der Medizin Marburg: „Das Unsichtbare sichtbar machen – Eine kurze Geschichte der Mikroskopie und Ernst Leitz in Wetzlar“
Freitag, 7. Juni 2013, 18 Uhr, Dr. Michael Laue, Robert-Koch-Institut Berlin: „Erregern auf der Spur – Die Rolle der Licht- und Elektronenmikroskopie bei der Erkennung und Erforschung von Krankheitserregern“

 

 



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