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Dieter Posch

Hessisches Wirtschaftsministerium

Es ist Sommerpause und damit auch sitzungsfreie Zeit im Hessischen Wirtschaftsministerium. Dieter Posch beantwortet trotzdem gern unsere Fragen. Im Interview spricht er über die Bedeutung von Industrieclustern, über innovative Mittelständler und die große Vielfalt von Karrierechancen in der Region Mittelhessen.

W3+: Herr Minister, Ihre zweite Amtszeit an der Spitze des Hessischen Ministeriums für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung begann im Februar 2009 – fast genau fünf Monate nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. Damals war der derzeitige Aufschwung selbst unter Experten fast undenkbar.

Dieter Posch: In der Tat hat die deutsche Wirtschaft nach der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise einen unerwartet schnellen und kräftigen Aufschwung genommen. Wenn viele – wie auch ich – 2009 gesagt haben, wir wollten gestärkt wieder aus der Krise herauskommen, dann war das damals sicher mehr Wunsch als Prognose. Heute können wir feststellen: Deutschland ist tatsächlich gestärkt aus der Krise herausgekommen. Dazu hat ganz entscheidend beigetragen, dass die Unternehmen mit Unterstützung des Staates ihre Fachkräfte gehalten haben.

W3+: Im Geschäftsklimaindex für Deutschland stellt der Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München im Juni fest: „Die bislang schon gute Geschäftslage wird von den Unternehmen nochmals als besser eingestuft.“ Gilt das auch für das Bundesland Hessen?

Dieter Posch: Speziell auch in Hessen wird von den Unternehmen das Geschäftsklima, was die Lage betrifft, sehr positiv eingestuft. Es zeichnet sich zwar ab, dass bundesweit und auch in Hessen die Dynamik bei den Geschäftserwartungen in der Mitte 2011 etwas nachlässt, die Grundrichtung bleibt aber positiv. Die konjunkturelle Entwicklung verläuft weiterhin bemerkenswert robust. War der Aufschwung zunächst im besonderen Maße vom Export getrieben, sind inzwischen auch die Investitionen und der private Konsum die Motoren der wirtschaftlichen Erholung. Diese positive Entwicklung hat auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Die Zahl der Arbeitslosen sinkt und die der Erwerbstätigen steigt. Für die kommenden Monate ist eine Fortsetzung des Aufschwungs, wenn auch mit etwas nachlassender Dynamik, zu erwarten. Allerdings muss man die Risiken für den weiteren Konjunkturverlauf im Auge behalten. Ich denke dabei vor allem an die stark gestiegenen Weltrohstoffpreise und an die Schuldenkrise in einigen Ländern des Euro-Raums.

W3+: Die wirtschaftlichen Stärken Hessens liegen ganz klar im Finanzplatz Frankfurt und im Rhein-Main-Gebiet. Darüber hinaus versucht das Regionalmanagement etwa in Mittelhessen das Profil der Region in den Bereichen Bildung, Infrastruktur und Innovation zu stärken. Mit Erfolg?

Dieter Posch: Mittelhessen hat ebenso wie Nordhessen im Vergleich zum südhessischen Ballungsraum in den letzten Jahren gut aufgeholt. Die Arbeitslosenquote etwa ist inzwischen in Mittel- und Nordhessen auf das Niveau Südhessens gesunken. Dies werte ich als Beleg dafür, dass diese ehemals strukturschwächeren Landesteile ihre spezifischen Entwicklungspotenziale erkannt und ihre regionalen Stärken ausgebaut haben, um daraus Wachstumsimpulse zu generieren. In Mittelhessen liegen die Stärken zweifellos in einem herausragenden Bildungswesen und einer sehr innovativen Industrie. Auch ist es Mittelhessen in den letzten Jahren sehr gut gelungen, ehemals militärisch genutzte Areale durch geschickte Konversion für die Ansiedlung und Entwicklung von Unternehmen zu nutzen. Ich nenne als Beispiel das Spilburg-Gelände in Wetzlar.

W3+: Wetzlar gilt als eines der Zentren der optischen, elektrotechnischen und feinmechanischen Industrie – eine Industrieregion mit vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen. Wie wichtig ist der Mittelstand für Sie?

Dieter Posch: Der Mittelstand ist das Rückgrat unserer Wirtschaft. Ihm gehören über 99 Prozent der Unternehmen in Hessen an, er beschäftigt zwei Drittel aller Arbeitnehmer und über 70 Prozent der Auszubildenden. Aus einer Befragung im vergangenen Jahr wissen wir, dass neun von zehn Mittelständlern auf Innovationen setzen, seien es neue Produkte und Dienstleistungen oder auch die Optimierung des Herstellungsprozesses. Gut zwei Drittel der hessischen Mittelständler haben in der Wirtschafts- und Finanzkrise ihre Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung nicht reduziert. Für mich ist dies ein Beleg für die Klugheit und Weitsicht unseres Mittelstandes.

W3+: Man hat den Eindruck, als belebe in der hoch-spezialisierten Industrieregion Wetzlar die Konkurrenz das Geschäft. Gleichzeitig suchen die Unternehmen den Schulterschluss, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Sind solche Industriecluster ein richtiger Schritt in die Zukunft?

Dieter Posch: Die Bedeutung von Industrieclustern für die Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen wurde durch die Analysen des amerikanischen Wirtschaftswissenschaftlers Michael Porter Ende der 1990er Jahre in das Bewusstsein der Wirtschaftspolitik gerückt. Hessen fördert den Aufbau innovativer Clusternetzwerke intensiv seit 2000 mit EU-Mitteln. In Mittelhessen wurden und werden Clusternetzwerke in den Bereichen Medizinwirtschaft, Optoelektronik und Verpackungsindustrie unterstützt sowie – zurzeit in Vorbereitung – im Bereich Logistik. Wettbewerb untereinander und Netzwerkbildung miteinander sind kein Widerspruch, sondern ergänzen sich zum Vorteil aller Beteiligten. Dies gilt erst recht, wenn in die Netzwerke der Unternehmen auch die Forschungs- und Bildungsinfrastruktur der Region mit ihren Leistungsangeboten eingebunden ist. Von den Unternehmen in den Clusternetzwerken bekomme ich durchweg positive Rückmeldungen.

W3+: Gerade für kleinere und mittelständische Unternehmen ist die Internationalisierung mit großen Hoffnungen, aber auch mit den Ängsten des Investitionsrisikos verbunden? Hat die hessische Wirtschaftsförderung Möglichkeiten, diesen Schritt aus der Region in internationale Märkte zu unterstützen?

Dieter Posch: Wettbewerbsfähigkeit ist in einer globalisierten Wirtschaft heute als internationale Wettbewerbsfähigkeit definiert. Unser Ziel ist natürlich, die Unternehmen an ihrem Standort in Hessen zu stärken. Dazu gehören aber nicht nur die Investitionen und Forschungsaktivitäten am angestammten Standort, sondern auch die Fähigkeit, sich auf internationalen Märkten zu bewegen und erforderlichenfalls auch im Ausland zu investieren. Das Land unterstützt die Internationalisierung vor allem der kleinen und mittleren Unternehmen etwa bei der Beteiligung an Messen im Ausland oder durch internationale Kooperationsvermittlung der Hessen Agentur. Auch hat die Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen – unsere Einrichtung für die monetäre Wirtschaftsförderung – ihr Darlehensprogramm „Gründung und Wachstum“ für Investitionen im Ausland geöffnet, wenn dadurch der hessische Unternehmensstandort gestärkt wird.

W3+: Medienberichten zufolge will die Bundesregierung jährlich 100 Millionen Euro in den nächsten zehn Jahren für die Förderung von Forschung und Entwicklung im Bereich der Photonik und optischer Technologien bereitstellen. Wird es ähnliche Fördermaßnahmen für Zukunftstechnologien auch von Seiten der hessischen Landesregierung geben?

Dieter Posch: Wie die Bundesregierung misst auch die Hessische Landesregierung der Förderung von Forschung und Entwicklung einen ganz hohen Stellenwert bei. Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium arbeiten dabei eng zusammen. Wir unterstützen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben von Unternehmen – in der Regel über Verbundprojekte – und den Technologietransfer von der Wissenschaft in die Wirtschaft. Daneben investieren wir kräftig in den Ausbau der Forschungs- und Entwicklungskapazitäten an den Hochschulen und in den Forschungseinrichtungen. Mit LOEWE, der Landesinitiative zur Entwicklung wissenschaftlich-ökonomischer Exzellenz, hat das Land ein eigenes und im Ländervergleich einzigartiges Forschungsförderungsprogramm angestoßen. In der aktuellen Legislaturperiode 2009 bis 2013 stellt das LOEWE-Programm 410 Millionen Euro bereit.

W3+: Die Städte und Regionen in Deutschland konkurrieren immer mehr um die besten Fachkräfte. Mit welchen Argumenten würden Sie einen Auswärtigen davon überzeugen, seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Mittelhessen zu verlegen?

Dieter Posch: Dass die Rekrutierung von Fachkräften mit dem demografischen Wandel zunehmend schwieriger wird, haben alle Regionen und alle Unternehmen erkannt. Eine Bildungsregion wie Mittelhessen hat überdurchschnittlich gute Voraussetzungen, Fachkräfte zu gewinnen, denn die Studenten und Auszubildenden sind ja schon da. Es ist Aufgabe der Unternehmen und des Regionalmarketings, diese jungen Menschen an die Region zu binden, bevor sie abgeworben werden. Dabei würde ich immer wieder die große Vielfalt innovativer, mittelständischer Unternehmen als Pluspunkt der Region Mittelhessen herausstreichen. Denn das bedeutet ja eine Vielfalt von Karrierechancen. Abgesehen davon stimmen in Mittelhessen auch die so genannten weichen Standortfaktoren, was Wohnen, Kultur und Freizeit betrifft.

W3+: Sie haben Mobilität im Fern- und Nahverkehr – ob auf der Straße oder auf der Schiene – stets mit besonderem Nachdruck vorangetrieben. Wo sehen Sie hier mittelfristig den größten Handlungsbedarf?

Dieter Posch: Neben dem weiteren Ausbau der Verkehrsinfrastruktur – hier nenne ich beispielhaft den vierstreifigen Ausbau der B 49 von Wetzlar nach Limburg – und der Deckung des immensen Erhaltungsbedarfs hat für mich die intelligente Nutzung der Verkehrsnetze höchste Priorität. Die Zukunftsinitiative „Staufreies Hessen 2015“ ist die Überschrift für eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen, wozu etwa die vermehrte Seitenstreifennutzung in den Stoßzeiten auf der A5 von und nach Frankfurt gehört.

W3+: Wer irgendwo hin will, muss auch hinkommen. Das erhoffen sich die Wetzlarer von möglichst vielen Besuchern zum Hessentag 2012. Werden Sie dabei sein?

Dieter Posch: Selbstverständlich werde ich auch 2012 wieder auf dem Hessentag sein. Aber ich füge hinzu: Wetzlar mit seiner schönen Altstadt und der Lahn ist ja nicht nur am Hessentag eine Reise wert.

 

Weitere Informationen:

www.wirtschaft.hessen.de



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