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Truth

Leica Microsystems

Um echte Dokumente von falschen zu unterscheiden, dafür haben Sachverständige der Bundesbank und Kriminalbeamte ein geschultes Auge. Inzwischen aber ist der Einsatz von Mikroskopen auch hier unverzichtbar.

Wenn Martin Fischer früh morgens in seine Dienststelle im Regierungspräsidium Stuttgart kommt, warten meist schon einige Verdächtige auf ihn. Es sind keine Personen, mit denen der Kriminalhauptkommissar zu tun hat, sondern deren Ausweise. Die Polizei hat sie bei ihren nächtlichen Kontrollen gesammelt und an Fischer weitergegeben. Als zertifizierter Sachverständiger für Urkundenuntersuchungen untersucht er alles, was in irgendeiner Form als Dokument auf Papier, Plastik oder Blech – wie etwa beim Autokennzeichen – gedruckt, unterschrieben oder mit einem Siegel versehen ist.

Auf die Technik verlassen

Ausweise, Führerscheine, Geburtsurkunden – das Spektrum der Urkundenfälschungen, mit denen sich Einzeltäter oder kriminelle Banden Vorteile verschaffen wollen, ist denkbar groß. Und je ausgefeilter die Sicherheitsstandards sind, desto besser müssen Sachverständige ausgerüstet sein, um echte und gefälschte Dokumente eindeutig zu unterscheiden. Manchmal klappt das mit dem bloßen Auge. Immer öfter aber muss sich Martin Fischer auf die Technik verlassen können.

Fälschungen unter dem Mikroskop

„Um professionelle Fälschungen zu erkennen und um meine Gutachten wasserdicht zu begründen, muss ich immer auf dem neuesten Stand der Technik sein“, sagt Fischer und beugt sich über sein wichtigstes „Werkzeug“: ein Hochleistungsstereomikroskop von Leica Microsystems. Es ist ein Leica M165 C mit 16,5:1 Zoom-Objektiv, LED-Ringlicht und flexiblem LED-Lichtleiter sowie einem mobilen Schwenkarm, High-Definition-Kamera und einem Full-HD-Bildschirm. Für den Experten Fischer sind diese Funktionen ein Segen: „Der 3D-Eindruck des Stereomikroskops kombiniert mit einer guten Beleuchtung ist äußerst wichtig, damit ich feinste Oberflächenstrukturen des Dokuments untersuchen kann. Erst unter dem Mikroskop erkenne ich die Details besserer Fälschungen.“

Ausweise und Fahrzeugpapiere aus verschiedensten Ländern

Der erste Schritt bei jedem neuen Fall ist immer die Klassifizierung des Dokuments – ob es sich also um ein authentisches oder ein Fantasiedokument handelt. Ist das Dokument nicht bekannt, recherchiert Martin Fischer in verfügbaren Datenbanken, um ein Referenzmuster zu bekommen. Ausweise und Fahrzeugpapiere aus den verschiedensten Ländern machen rund 80 Prozent seiner Arbeit aus, gefolgt von Geburtsurkunden und Staatsangehörigkeitsnachweisen. Es kommt aber auch vor, dass Fischer ein Deutsch-Zertifikat eines ausländischen Goethe-Instituts zur Prüfung auf den Tisch bekommt. Sein bisher kuriosester Fall sei eine senegalesische Ledigkeitsbescheinigung gewesen – ein langer, schmaler Papierstreifen, beschrieben mit einer ihm völlig unbekannten Schrift. „Die Herausforderung beginnt schon damit, in Erfahrung zu bringen, wie ein derartiges Dokument aussehen muss, damit ich überhaupt eine Aussage treffen kann“, erklärt Fischer.

Unter dem Mikroskop entscheiden sich die meisten Fälle

Im zweiten Schritt prüft der Stuttgarter Sachverständige, ob offensichtlich etwas verändert wurde. Sein geschultes Auge und sein Tastsinn erkennen grobe Manipulationsspuren sofort, beispielsweise wenn Stempel abgerubbelt, Zahlen von Hand überschrieben oder ein neues Lichtbild dilettantisch eingefügt wurden. Danach kommt das Dokument unter das Mikroskop. „Bei der mikroskopischen Untersuchung entscheiden sich die meisten Fälle“, so Fischer. Nur so kann er eindeutig erkennen, ob etwa die Seriennummer eines Ausweises mit einem gewöhnlichen Tintenstrahldrucker aufgebracht wurde, ob eine Lasergravur echt ist oder ein besonders fingerfertiger Fälscher versucht hat, Hologramme, Chips oder andere Bestandteile aus echten Ausweisen einzukleben.

Höchste Vergrößerungen des Mikroskops erforderlich

„Ein falsches Lichtbild ist immer noch der häufigste Manipulationspunkt bei Ausweisen“, so Fischer. „Bei guten Fälschungen ist es nicht immer leicht, die Spuren zu finden. Hier setze ich dann auch die höchsten Vergrößerungen des Mikroskops ein. Für Basisuntersuchungen reicht meist der niedrige Zoombereich zwischen 20- und 30-fach.“ Neben dem Mikroskop arbeitet Fischer mit weiteren Untersuchungsgeräten, beispielsweise um bestimmte Sicherheitsmerkmale, verwendete Tinten- oder Stempelfarben unter UV- oder IR-Licht zu prüfen oder um die Personendaten des Chips auszulesen. Am Ende jeder Untersuchung dokumentiert Fischer seine Ergebnisse. In seine Gutachten fließen auch die mikroskopischen Aufnahmen ein, die er ausführlich erläutert.

Komplexe Herstellungsverfahren und Sicherheitsmerkmale

Die Herstellungsverfahren und Sicherheitsmerkmale für Ausweise wurden in den vergangenen Jahren sehr viel komplexer – von RFID-Chips und Hologrammen über spezielle Mikroschriften bis hin zu speziellen Drucktechniken wie Irisdruck, Stichtiefdruck oder Lasergravur. Für Martin Fischer bedeutet das im Umkehrschluss: Je mehr High-Tech in einem Ausweis steckt, desto mehr High-Tech braucht er, um das Dokument als Fälschung zu entlarven.

Falschnoten im Nationalen Analysezentrum der Deutschen Bundesbank

Eine ähnliche Erfahrung macht Martin Weber vom Nationalen Analysezentrum der Deutschen Bundesbank für Bargeld in Mainz. Denn neben Identitätskarten und Pässen sind Banknoten mit den höchsten Sicherheitsstandards ausgestattet. Im Jahr 2010 registrierte die Bundesbank in Deutschland rund 60.000 falsche Euro-Banknoten, was einem Anstieg von 14 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Die 50-Euro-Banknote wurde 2010 mit einem Anteil von ca. 60 Prozent der in Deutschland insgesamt registrierten Euro-Falschnoten am häufigsten gefälscht. Mit statistisch gesehen sieben Fälschungen pro 10.000 Einwohnern pro Jahr liegt Deutschland aber weit unter dem Durchschnitt im Euro-Raum.

Individuelle Handschrift des Fälschers

Als Sachverständiger für Banknotenfälschungen begutachtet Martin Weber gemeinsam mit seinem Team vom Nationalen Analysezentrum alles, was laut Gesetz wie Bargeld gehandhabt wird: Zahlungskarten, Wertpapiere, Reiseschecks sowie kursfähige Gold- und Silbermünzen. „Unsere Kernaufgabe ist also nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, festzustellen, ob Banknoten echt oder falsch sind“, erklärt Weber. „Das sehen unsere geschulten Augen auf den ersten Blick. Viel wichtiger für uns ist, zu untersuchen, ob eine Fälschung zu bereits bekannten passt und mit welchen Verfahren sie hergestellt wurde.“ Ein Fälscher hinterlässt also eine ganz individuelle Handschrift? „Ganz genau. Er verwendet immer dasselbe Herstellungsverfahren und konzentriert sich meist auf bestimmte Sicherheitsmerkmale, die er für wichtig hält oder besonders gut zu beherrschen glaubt. Meistens begeht er dann an anderen Stellen leicht erkennbare Fehler. So sind wir in der Lage, Fälschungen meist eindeutig einem zunächst unbekannten Täter zuzuordnen. Wird dieser gefasst, können wir vor Gericht nicht nur beweisen, dass und wie er die Scheine hergestellt hat, sondern auch Anhaltspunkte geben, über welchen Zeitraum er tätig war.“

Bundesbank setzt Stereomikroskope und Digitalmikroskope ein

Die Spurensuche erfolgt auch im Nationalen Analysezentrum der Deutschen Bundesbank mit technischer Unterstützung. „Wir konzentrieren uns fast ausschließlich auf die visuelle Untersuchung. Dabei setzen wir Stereomikroskope mit bis zu 100facher Vergrößerung mit verschiedenen Lichtquellen und Filtern ein“, erklärt Weber. Ein „fälschernahes“ Fachwissen ist bei der Analyse natürlich unerlässlich. Alle fünf Sachverständigen in Webers Team haben ein Studium der Druckereitechnik absolviert. Wenn sie eine Fälschung unter dem Mikroskop mit Auflicht, Durchlicht oder UV-Licht anschauen, erkennen sie sehr genau, auf welche Weise diese hergestellt wurde. Zusätzlich zu Stereomikroskopen setzt die Bundesbank neuerdings auch ein Digitalmikroskop Leica DVM5000 ein, um Fälschungen noch genauer untersuchen zu können.

Digitale Bilder für die Beweisfindung

„In punkto Vergrößerung stoßen wir mit den Stereomikroskopen an unsere Grenzen“, so Martin Weber. „Das Digitalmikroskop ist für uns eine gute wie notwendige Ergänzung. Hier können wir mit höheren Vergrößerungen und besserer Schärfentiefe Papierstrukturen, Farben und Pigmente wesentlich genauer untersuchen – beispielsweise Effektpigmente und Beugungsstrukturen bei Hologrammen. Mit dem Kippstativ können wir zudem die Bewegungseffekte bei den Sicherheitsmerkmalen aufnehmen.“ Die digitale Technologie ist für die Sachverständigen auch deshalb sinnvoll und nützlich, weil die Dokumentation ihrer Arbeit einen sehr hohen Stellenwert einnimmt. Kein Ergebnis, das nicht in digitalen Bildern festgehalten wird – sei es für Gutachten mit aussagekräftigen Bildern, die vor Gericht die Beweisfindung erleichtern, oder für die Übermittlung und den Abgleich von Daten in europaweiten Fahndungsnetzwerken. In Deutschland selbst entstehen nämlich vergleichsweise wenige Fälschungen. Die größten Mengen stammen von international organisierten Gruppen.

Menschen mit den Sicherheitsmerkmalen der Banknoten vertraut machen

Neben der Spurensuche sieht es das Nationale Analysezentrum der Deutschen Bundesbank als seine vordringliche Aufgabe an, Mitarbeiter der Kriminalpolizei und der Landeskriminalämter, aber auch des Einzelhandels oder der Banken zu erläutern, wie Fälscher arbeiten. „Bei diesen Schulungen hilft uns die neue digitale Technologie ebenfalls, weil alle Teilnehmer live mitverfolgen können, was und wie wir unter dem Mikroskop untersuchen“, sagt Weber. In Schulungen und Vorträgen versucht die Deutsche Bundesbank möglichst viele Personen zu erreichen. Auch auf ihrer Internetseite stellt die Bundesbank anschauliche Informationen zur Verfügung. Das Ziel: Die Menschen sollen mit den Sicherheitsmerkmalen der Euro-Banknoten vertraut werden und einen Verdachtsfall erkennen können. Wenn man so will, muss die Bundesbank an dieser Stelle schneller sein, als die Fälscher. Denn eines gilt für alle Fälscher gleichermaßen: Sie wollen ihre Blüten ja nicht für sich behalten, sondern so schnell wie möglich in Umlauf bringen.

 

Weitere Informationen:

www.leica-microsystems.com
www.bundesbank.de/bargeld/bargeld_falschgeld_erkennung.php



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