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Learning by Doing

Werner-von-Siemens-Schule Wetzlar

Als berufsbildendes Zentrum legt die Werner-von-Siemens-Schule Wetzlar großen Wert auf praxisnahe Aus- und Weiterbildung.

Kurz vor den Sommerferien herrscht im Schulgebäude der Werner-von-Siemens-Schule Hochbetrieb. Es ist die Zeit der Prüfungen. Die Einen werden ihr erstes Ausbildungsjahr beenden, andere werden ihre Berufsausbildung abschließen. Wieder andere werden ihr Abitur machen und sich an Hochschulen weiterbilden. Mehr als 2.500 Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Berufsfachrichtungen gehen in dem berufsbildenden Zentrum im Wetzlarer Stadtteil Naunheim-Niedergirmes zurzeit ein und aus, rund 70 Prozent davon in Teilzeit.

Viele verschiedene Schulformen und Abschlüsse unter einem Dach

„Die Prüfungszeit ist bei uns immer besonders intensiv, weil wir eine Schule mit unheimlich vielen verschiedenen Schulformen und Abschlüssen sind“, erklärt Schulleiter Dieter Agel. Da gibt es Vollzeitausbildungsgänge, die – wie etwa Berufsfachschule, Berufsvorbereitungsjahr oder Berufsgrundbildungsjahr – neben der beruflichen Orientierung den Erwerb höherer Schulabschlüsse ermöglichen. Auf der Fachoberschule, der Höheren Berufsfachschule oder im beruflichen Gymnasium qualifizieren sich die Schülerinnen und Schüler zum Studium an der Fachhochschule oder Universität. Die Fachschule für Technik wiederum führt Facharbeiter und Gesellen zum Abschluss „staatlich geprüfter Techniker“. Und das alles unter einem Dach.

Internationale Austauschprogramme

Vor genau dreißig Jahren kam Dieter Agel als Studienrat an die Werner-von-Siemens-Schule. 1999 wurde er Schulleiter. Er trat an mit dem Anspruch, die Schule zu öffnen und stärker zu vernetzen – regional wie international. Auf internationaler Ebene wurden Austauschprogramme mit Schulen in Frankreich, Italien, Dänemark, Tschechien, Spanien, Portugal, der Türkei und den Vereinigten Staaten von Amerika auf- und ausgebaut. 2002 wurde die Werner-von-Siemens-Schule in den engagierten Kreis der „Hessischen Europaschulen“ aufgenommen. Der internationale Austausch erfolgt über größere Distanzen online, aber auch persönlich. Dann verbringen die Wetzlarer Schülerinnen und Schüler 14 Tage im Gastland und für zwei Wochen kommen die Gastschüler nach Wetzlar. Konkrete Projekte werden vorher auf beiden Seiten geplant und während des Aufenthalts von den Schülern realisiert.

Regionale Vernetzung mit Betrieben und Kammern

Die Öffnung der Schule auf regionaler Ebene ist Dieter Agel besonders wichtig: „Der Austausch mit den Ausbildungsbetrieben und den zuständigen Stellen wie Industrie- und Handelskammer bzw. Handwerkskammer ist sehr eng. Wir treffen uns regelmäßig, um Projekte abzusprechen und die verschiedenen Interessen und Bedarfe abzufragen. Das ist der große Vorteil der beruflichen Schulen, dass sie sehr stark mit den Betrieben vernetzt sind. Denn wir wollen die Auszubildenden ja möglichst gut auf die Anforderungen der Gesellschaft und der Betriebe vorbereiten.“

Kooperation zwischen Lehrern und Ausbildern

So schreibt etwa der Lehrplan der Fachschule für Technik Projektarbeiten vor – und da bringen die Schüler ganz konkrete Problemstellungen aus den Unternehmen ein, in denen sie arbeiten. Die Lehrer der Werner-von-Siemens-Schule kooperieren eng mit den Ausbildern in den Betrieben. Die Auszubildenden wiederum nutzen in den hochspezialisierten Unternehmen der Region auch die Möglichkeit, bei Kollegen in anderen Ausbildungsbetrieben vorbeizuschauen – zum Beispiel, wenn bei den Feinoptikern die Planoptik durchgenommen wird, der entsprechende Ausbildungsbetrieb eines Schülers sich aber auf Rundoptiken spezialisiert hat.

Landesfachklasse in der Feinoptik für Hessen

In der Optikregion Wetzlar hat die Ausbildung zum Feinoptiker traditionell einen besonderen Stellenwert. „Als ich 1981 an die Schule kam, hatten wir eine Feinoptik-Klasse nur für Leitzianer“, erinnert sich Dieter Agel. Die Zahl der Auszubildenden in einem Jahrgang ist seither zurückgegangen, geblieben ist der hohe Stellenwert des Ausbildungsgangs. Die Werner-von-Siemens-Schule unterrichtet die Landesfachklasse in der Feinoptik für Hessen, ja sogar für Rheinland-Pfalz. Wegen des großen Einzugsgebiets findet der Unterricht für die angehenden Feinoptiker in Blöcken statt. Die Schüler gehen dann in Wetzlar zur Schule und wohnen auch hier. Als einzige Fachschule in Hessen bietet die Werner-von-Siemens-Schule eine weitere Qualifikation im Bereich Optik/Elektronik zum staatlich geprüften Techniker an. Die Fachschule baut auf dem Facharbeiterabschluss auf, dauert zwei Jahre in Vollzeit, vier Jahre in Teilzeit parallel zur Berufstätigkeit.

Ein Optiklabor, das bundesweit einmalig ist

Der steigende Zulauf der Schüler und Auszubildenden gerade im Bereich Optik/Elektronik an der Werner-von-Siemens-Schule hängt zum einen mit den guten Aussichten der Zukunftsbranche zusammen; zum anderen mit dem guten Ruf der Ausbildung, den die Fachklasse auch über Mittelhessen hinaus genießt. „Wir sind fantastisch ausgestattet, arbeiten an Maschinen auf dem neuesten Stand der Technik und haben ein Optiklabor, das bundesweit einmalig ist“, schwärmt Frank Unruh, Fachgruppenleiter für den Bereich Optik an der Werner-von-Siemens-Schule. Das Optiklabor, initiiert von der Bildungsinitiative Optische Technologien Mittelhessen (OPTOMIT), ist unter anderem ausgestattet mit einer 200.000 Euro teuren Asphärenschleifmaschine, die gemeinsam von der IHK, dem Lahn-Dill-Kreis und der Schule angeschafft wurde. Die Maschine stammt von der OptoTech Optikmaschinen GmbH in Wettenberg. Die Steuerungselektronik wurde von Siemens zur Verfügung gestellt. „Das Optiklabor ist eine unglaubliche Bereicherung für die Lehrer und unsere Auszubildenden, weil wir hier die hochtechnologischen Facetten der optischen Industrie wirklich anschaulich vermitteln können“, so Unruh.

Partner der Initiative OPTOMIT

Sogar Studierende der Hochschulen Mittelhessens können an die Werner-von-Siemens-Schule kommen, um das Optiklabor für ihre Studienzwecke zu nutzen. Und das ist ganz im Sinne der Initiative OPTOMIT. Die Partner, die sich für eine abgestimmte und möglichst durchlässige Aus- und Weiterbildung für die optische Industrie in Mittelhessen einsetzen, wollen solche Synergien künftig noch stärker nutzen. Denn bedarfsgerechte Ausbildung ist nicht nur die Aufgabe der berufsbildenden Schulen, sondern auch der Hochschulen und Unternehmensverbände, wie Dieter Agel betont. „Im Grunde verfolgen wir alle das gleiche Ziel: Wir müssen als moderne Aus- und Weiterbildungsstätten auch technologisch immer am Zahn der Zeit sein, und das gelingt im Zusammenschluss weitaus besser, als wenn jeder seine eigenen Brötchen bäckt.“

Festival für Naturwissenschaften und Technik

Dass die Werner-von-Siemens-Schule als berufsbildendes Zentrum in der Lage ist, die neusten Techniken zu unterrichten, ist eine wichtige Voraussetzung für die nachhaltige Sicherung von Fachkräften in der Region. In diesem Zusammenhang macht Dieter Agel den Schülern und Eltern auch immer wieder klar, dass den Jugendlichen auch bei Haupt- und Realschulabschluss alle Wege offen stehen. Der Schulleiter sieht jedoch auch den Bedarf, junge Menschen für technische Berufe zu begeistern. Beim jährlichen „Festival für Naturwissenschaften und Technik“ im Lichthof der Schule werden etwa 400 Schülerinnen und Schüler der Klassen 7 und 8 eingeladen, um an einem Vormittag spielerisch Phänomene der Technik und Naturwissenschaften zu erleben. Die Unternehmen der Region, die IHK Lahn-Dill, die Handwerkskammer Wiesbaden, der VDI Mittelhessen, die VhU Mittelhessen und auch die Hochschulen sind hier aktiv. Die Schulen nehmen das Angebot gerne an.

Vorbereitung auf das nächste Schuljahr

Für November 2011 ist das nächste „Festival für Naturwissenschaften und Technik“ geplant. Vorerst aber wird im Schulgebäude der Werner-von-Siemens-Schule Ruhe einkehren. Der Lichthof wird menschenleer sein, die Türen zu den Klassenzimmern verschlossen bleiben. Die Sommerferien verbringen die Schülerinnen und Schüler entweder in den Betrieben oder im Urlaub. Währenddessen bereitet sich Frank Unruh auf das nächste Schuljahr vor. Schulleiter Dieter Agel auf den verdienten Ruhestand.

 

Weitere Informationen:

www.siemensschule-wetzlar.de



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