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Andreas Kaufmann

Leica Camera

Es sind bewegte Zeiten für die Leica Camera AG und ihren Mehrheitsaktionär und Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Andreas Kaufmann. Zum Interview erscheint Kaufmann gut gelaunt und voller Energie.

W3+: Herr Kaufmann, die Leica Camera AG hat Ende November 2010 bei der Hauptversammlung hervorragende Bilanzen vorgelegt – mit einem Umsatzplus von 18 Prozent im Geschäftsjahr 2009/10 und sogar einer Verdoppelung des Umsatzes im ersten Halbjahr 2010/11. Das war so nicht zu erwarten, oder?

Andreas Kaufmann: Doch. Wir hatten eigentlich schon früher damit gerechnet, aber zwei Faktoren haben diese Entwicklung verzögert: zum einen die weltweite Finanzkrise, die nicht nur uns, sondern auch andere Hersteller von Premium-Produkten besonders getroffen hat; zum anderen interne Restrukturierungsmaßnahmen im Unternehmen, die dazu geführt haben, dass bestimmte neue Produkte später als geplant auf den Markt kamen.

W3+: Es heißt, auf der Photokina 2010 hätte Leica Rekordaufträge erzielt. Die Produkte, die Sie erwähnen, kommen also zwar später, aber dafür umso besser bei den Kunden an?

Andreas Kaufmann: So könnte man es sehen. Die Photokina ist ein sehr wichtiger und positiver Indikator für unseren Erfolg. Aber man darf nicht vergessen, dass die Weichen dafür schon vor mehreren Jahren gestellt wurden. Wir haben ausgezeichnete Produkte in Preissegmenten entwickelt, die es bis dato gar nicht gab. Nehmen Sie zum Beispiel die X1: Die Kompaktkamera mit großem Sensor und herausragender Optik reicht sogar an die Abbildungsleistung sehr guter Spiegelreflexkameras heran. Die M9 wiederum war lange Zeit die einzige spiegellose digitale Systemkamera, bevor viele andere Hersteller nachzogen.
Ein weiterer Erfolgsfaktor ist unser einzigartiges Retail-Konzept. In unseren einzigartigen Leica Stores können wir den Kunden den Mehrwert der Marke und unserer Produkte ganz anders vermitteln. Inzwischen haben wir mehr als zwanzig Leica Stores weltweit. Bis Ende 2011 könnten es über vierzig werden.

W3+: Das klingt, als würde Leica weiter wachsen?

Andreas Kaufmann: Das ist natürlich unser Ziel. Ich habe den Eindruck, im Moment müssen wir eher etwas bremsen, weil wir die hohe Nachfrage in all unseren Modellreihen produktiv nicht ganz abdecken können.

W3+: Kann man sagen, dass sich der Kamera-Markt durch beschleunigte Technologiezyklen gewissermaßen auch selbst in Schwung hält?

Andreas Kaufmann: Man muss hier sehr genau hinschauen, um einschätzen zu können, wie viel Marktbewegung dem Marketing und wie viel tatsächlich der Technologie geschuldet ist. Was uns als rasanter Fortschritt erscheint, sind meistens Abänderungen existierender Kamera-Designs, insbesondere durch weiterentwickelte elektronische Komponenten. Die optischen Systeme, zu denen auch die Sensoren zählen, haben dagegen weit längere Technologiezyklen. Die Entwicklung einer neuen Leica Objektivserie kann beispielsweise je nach Anforderung etwa zwei bis vier Jahre dauern.

W3+: …und verschlingt nicht nur Zeit, sondern auch entsprechende Entwicklungskosten.

Andreas Kaufmann: Richtig. In einem System wie der S2 stecken rund 30 Millionen Euro Entwicklungskosten. Aber diese Investitionen sind im Falle unseres Flaggschiffs geradezu ein Glücksfall.

W3+: Die S2 verkörpert den Claim von Leica „Leidenschaft und Perfektion“ auf höchstem Niveau. Beherzigen Sie diese Qualitäten auch persönlich?

Andreas Kaufmann: (überlegt) Ich bin sicher nicht perfekt. Aber in dem, was ich erreichen will, paart sich Perfektion mit einer großen Portion Ungeduld. Manche Entwicklungen in der Optik dauern mir einfach zu lange – auch wenn ich weiß, dass die perfekte Optik eben ihre Zeit braucht. Leidenschaft habe ich jede Menge, vor allem wenn es darum geht, sich für tolle Produkte und einzigartige Dinge zu begeistern. Ich glaube, dass gerade ein mittelständisches Unternehmen mit Weltrang wie Leica ohne diese Qualitäten gar nicht funktionieren würde. Da brauchen Sie Mitarbeiter, die sich mit Leidenschaft und Enthusiasmus engagieren. Und das überrascht mich immer wieder aufs Neue: dass man hier in der Region auf ungemein passionierte Menschen trifft, die Ideen entwickeln und mit großer Motivation ausgestalten.

W3+: Sind Sie ein Schöngeist?

Andreas Kaufmann: Ich bin in einem anthroposophischen und kulturinteressierten Elternhaus aufgewachsen. In unserer Familie wurde schon früh entschieden, dass keines der Kinder ins Management unserer damaligen Firma einsteigen soll. Dadurch war ich in meiner Berufswahl völlig frei und studierte Anfang der 1970er-Jahre Literaturwissenschaft. Bis heute pflege ich die Auseinandersetzung mit Büchern und Bildern. Ich sammle Malereien der Renaissance und natürlich Fotografien.

W3+: Das heißt, Sie interessieren sich nicht nur für Kameras und deren Technik, sondern auch für die Ergebnisse der fotografischen Bilder?

Andreas Kaufmann: Die Fotografin Gisèle Freund hat einmal gesagt: „Das Auge macht das Bild, nicht die Kamera.“ Ich würde es eher so formulieren: Eine Kamera allein macht noch keine guten Bilder – nicht einmal eine Leica (lacht). Deshalb stellen wir in unseren „Leica Galerien“ herausragende Fotografen und deren Werke aus. Deshalb verleihen wir alljährlich den „Oskar Barnack Preis“. Und deshalb möchte ich auch die Kooperation mit der legendären Fotoagentur Magnum wieder aufleben lassen – eine sehr emotionale Verbindung, die bis auf die Gründungsmitglieder von Magnum, Henri Cartier-Bresson und Robert Capa, zurückreicht. Beide fotografierten mit Leica Kameras.

W3+: Wie emotional ist oder war die Entscheidung, mit dem Unternehmen wieder nach Wetzlar umzusiedeln?

Andreas Kaufmann: Man kann sich die Tragweite dieser Entscheidung am ehesten mit einem Satz vor Augen führen, der ganz einfach beschreibt, wie es ist: Leica Camera kehrt an seine Geburtsstätte zurück. Die Stadt Wetzlar hat uns in dieser sicherlich auch emotionalen Entscheidung sehr stark unterstützt. Aber es gibt auch viele rationale Gründe: Der Leitz-Park ist eines der wenigen zusammenhängenden Industriegelände in der Region. Hier haben wir die Chance, mit der Leica Camera AG, der Viaoptic GmbH, der CW-Sonderoptik und der Uwe Weller Feinwerktechnik GmbH ein neues Kompetenzzentrum der optischen Industrie zu schaffen. Zudem ist die logistische Anbindung hervorragend.

W3+: Sie hätten ja nicht unbedingt innerhalb der Region umziehen müssen.

Andreas Kaufmann: Etwas anderes stand gar nicht zur Debatte. Sehen Sie, diese Region ist in der optischen, elektronischen und feinmechanischen Industrie extrem stark. Das beginnt bei den Kompetenzen kleinerer Mittelständler und reicht über das unersetzliche Know-how erfahrener Mitarbeiter bis zu hervorragender Fachkräfteausbildung. All das finden wir nur hier. In diesem einmaligen Industriecluster profitieren alle voneinander.

W3+: Wie weit sind die Planungen für den Leitz-Park?

Andreas Kaufmann: Die Planungen laufen auf Hochtouren. Wir gehen davon aus, dass die Bauplanung bis zum Ende des Frühjahrs abgeschlossen sein wird. Der Spatenstich für den ersten Bauabschnitt könnte voraussichtlich im Frühsommer 2011 stattfinden. Es wird auf jeden Fall ein Firmengebäude sein, das am südlichen Tor zur Stadt ein selbstbewusstes Zeichen setzt. In einem weiteren Bauabschnitt wird dann die „Welt der Leica Camera“ entstehen, in der die Produkte, Geschichte und Visionen von Leica erlebbar gemacht werden. Die Automobilindustrie hat vorgemacht, wie das geht. In der optischen Industrie gibt es ein solches Konzept noch nicht. Wenn es uns gelingt, den Menschen die Bedeutung der Industrieikone Leica am Standort Wetzlar zu vermitteln und sie für deren einzigartige Geschichte und Visionen zu begeistern, dann haben wir viel erreicht.

Ralf Christofori

 

 

Weitere Informationen:

www.leica-camera.com



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