Scott Stegert hat die Transformation am Standort Wetzlar initiiert. (Bilder: Ralf A. Niggemann)
Scott Stegert hat die Transformation am Standort Wetzlar initiiert. (Bilder: Ralf A. Niggemann)

Continental

Transformers

Continental gehört zu den großen Playern in der Automobilzulieferindustrie. Der Konzern ist an knapp 430 Standorten in 56 Ländern global aktiv und extrem gut vernetzt. Am Standort Wetzlar wird das besonders deutlich. Hier werden hochkomplexe telematische Systeme entwickelt, die auf der ganzen Welt zum Einsatz kommen.

Die Aussicht ist prächtig. An einem der freundlicheren Tage im Februar empfängt uns Scott Stegert in seinem Büro im sechsten Obergeschoss des Verwaltungsgebäudes. Durch die großen Fenster überblickt man die Stadt Wetzlar, in der Stegert vor rund neun Monaten angekommen ist. Der gebürtige US-Amerikaner findet es großartig, obwohl – oder gerade weil er zuvor für Continental in Chicago, Shanghai und Tokio gearbeitet hat. Seit Juni 2017 ist er nun Vice President des „Agilen Campus Wetzlar“. In Deutschland fühlt er sich wohl, die Region fasziniert ihn und sein Unternehmen sowieso.

Vernetzung im konzernweiten Verbund

Dass Scott Stegert Wetzlar nicht als Standort, sondern als „Agilen Campus“ in seiner Positionsbezeichnung führt, hat einen Grund, den er selbst erläutert: „Unser Unternehmen hat mehr als 220.000 Mitarbeiter an fast 430 globalen Standorten. Wir denken und handeln aber eher in Geschäftseinheiten, die überall auf der Welt verteilt und vernetzt sind. Das heißt, kein Standort steht für sich allein, sondern immer im konzernweiten Verbund.“ Das klingt ambitioniert und ist es auch – zumal große Unternehmen traditionell als schwerfällig und schwer manövrierbar gelten.

Dieses physikalische Gesetz scheint Continental außer Kraft zu setzen. Zumindest, wenn man sich die Aktivitäten am Standort Wetzlar genauer anschaut. Hier wird an so ziemlich allen Fahrzeugsteuerungen und Assistenzsystemen gearbeitet, die unsere Mobilität aktuell und in Zukunft immer mehr erleichtern werden: Das Spektrum reicht von der Unterhaltungselektronik über Telematik und Konnektivität bis hin zu intelligenten Transportsystemen und autonomem Fahren. In Wetzlar werden dafür hochleistungsfähige Systeme entwickelt und für alle spezifischen Anforderungen in den weltweiten Märkten ausgelegt. Und weil diese Systeme sich technologisch rasant entwickeln, muss das Unternehmen entsprechend flexibel, schnell und agil aufgestellt sein.

Transformation zum „Agile Campus“

„Das Ziel heißt also, diesen produkt- und marktgetriebenen Veränderungen nicht nur gerecht zu werden, sondern ihnen immer einen Schritt voraus zu sein“, betont Sten-Olaf Wilkening, Director Innovation & Communication. Um dies zu erreichen, wurde eine Transformation im Unternehmen in Gang gesetzt, die eine flexiblere Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichsten Technologie- und Geschäftsbereichen sicher stellt: „Dabei handelt es sich um ein Bewusstsein für eine Unternehmenskultur, die vor allem kleinere Startups sehr erfolgreich vorleben“, so Wilkening: „Im Mittelpunkt stehen neue Methoden und Zusammenarbeitsmodelle, die mehr Flexibilität und Agilität erlauben.“

Der vergleichsweise junge Chef Scott Stegert hat die Transformation am Standort Wetzlar initiiert, aber deren Umsetzung nicht von oben verordnet. Ideen für konkrete Maßnahmen wurden im Rahmen einer Transformationskonferenz mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ermittelt und ausgearbeitet. Sogenannte „Change Agents“ tragen dafür Sorge, alle Mitarbeiter mitzunehmen und erfolgversprechende Maßnahmen auf andere Standorte zu übertragen.

Neue Wege in der Entwicklung und Zusammenarbeit

Wetzlar ist der erste Standort, der das so konsequent umsetzt. „Im Grunde ist es so, als würden Sie einen Ölwechsel vornehmen, während der Motor läuft“, sagt Stegert, wohl wissend, dass ein Erneuerungsprozess, bei dem gewohnte Pfade verlassen werden, nicht einfach ist. Aber er erweist sich als äußerst fruchtbar, denn im Grunde geht es ja darum, wie man bestehende Qualitäten und Qualifikationen in einem extrem bewegten Technologiebereich künftig noch besser einsetzen kann. Das gilt intern im Verbund mit den weltweiten Geschäftsbereichen des Konzerns, aber auch in der Zusammenarbeit mit externen Zulieferern und Partnern.

Sten-Olaf Wilkening, der seit mehr als 17 Jahren im Unternehmen ist, weiß um die bestehenden Qualitäten am Standort und in der Region: „Wetzlar ist traditionell sehr stark in der Systemintegration von Optik, Elektronik und Mechanik. Aber auch da gilt es, neue Wege in der Entwicklung und Zusammenarbeit zu gehen.“ Möglicherweise sind das Partnerschaften, die man so noch nicht in der Automobilindustrie gesehen hat. Schließlich hat ja auch niemand geahnt, dass Google mal an selbstfahrenden Autos entwickeln oder die Deutsche Post ein eigenes E-Auto verkaufen würde.

Enorme Anforderungen in der Automobilindustrie

Die Komplexität der elektronischen Komponenten und Steuerungssysteme jedenfalls hat eine Durchlässigkeit der Absatz- und Beschaffungsmärkte bewirkt, wie wir sie bisher noch nicht kannten. Das eröffnet Chancen für neue Partnerschaften, bedeutet umgekehrt aber auch, dass man die enormen Anforderungen der Automobilindustrie erfüllen muss. Die Qualitäts-, Funktions- und Sicherheitsstandards sind hier so hoch wie in kaum einer anderen Branche.

Lutz Hofmann kann davon ein Lied singen. Er leitet den Bereich Product Verification and Validation in Wetzlar. Oder auf Deutsch: Er verantwortet die Verifikation geforderter Spezifikationen und die Validierung der Systeme beim Endkunden. „Da geht es etwa um Klimatests bei Temperaturen von -40 bis + 80 ºC oder um Rüttlertests auf gröbstem Kopfsteinpflaster“, erklärt Lutz Hofmann. „In Funktionstests wird über Stunden, Tage und Wochen geprüft, ob ein Befehl auf Knopfdruck oder auf dem berührungsempflindlichen Bildschirm tatsächlich wie gewünscht ausgeführt wird. Hinzu kommen Sprachsteuerungen, die nicht nur genau zuhören, sondern auch das Richtige machen müssen. Und das, bei bis zu 200 verschiedenen Ländervarianten pro System.“

Automatisierte und vernetzte Testzyklen

Trotz der steigenden Komplexität und Qualitätsanforderungen kommt es auch hier darauf an, möglichst wenig Zeit mit Testzyklen zu verlieren. Aber Lutz Hofmann wirkt alles andere als hektisch. Im Gegenteil. Er steht souverän inmitten halb- oder vollautomatisierter Prüfanlagen, die stoisch ihre Arbeit verrichten: Kameras, die einen Knopfdruck filmen, den ausgeführten Befehl auswerten und Fehler in Echtzeit dokumentieren; Mikrochips, die irgendwo den Standort eines Fahrzeugs per Optik, Radar oder Mapping Data verfolgen, den mobilen Netzempfang prüfen oder eine Fahrt durch den Gotthardtunnel simulieren; nicht zuletzt kompakte Supercomputer, über die in Zukunft alle elektronischen Steuerungen im Auto laufen sollen.

„Vieles von dem, was wir früher unter realen Bedingungen im Feld getestet haben, können wir heute automatisiert oder virtuell prüfen. Die digitale Vernetzung gibt uns die großartige Möglichkeit, dass die Kollegen in Singapur Tests in Wetzlar auswerten – und umgekehrt. Die entscheidende Prüfinstanz aber sind am Ende unsere hochqualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“, betont Lutz Hofmann. „Ohne sie, ohne ihr Know-how geht hier nichts.“

Die Idee des „Agile Campus“ beginnt in der Ausbildung

Im Ausbildungsbereich von Continental wird der fruchtbare Boden für jenes Know-how bereitet, das im Unternehmen gebraucht wird. Dass sich auch hier die Idee des „Agile Campus“ ganz direkt niederschlägt, ist keine Überraschung. „Wir haben früher sehr viel mehr reine Elektroniker oder Mechaniker ausgebildet, aber das hat sich im Zuge der technologischen Entwicklung stark verändert“, sagt Ausbilder Stefan Henß. Gefragt sind heute Softwareentwickler und Softwarearchitekten, die in der Lage sind, hochkomplexe Embedded Software zu planen, zu implementieren und zu testen. Aus diesem Grund hat Continental den dualen Studiengang „Technische Informatik“ gemeinsam mit der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) aufgesetzt. Die meisten Auszubildenden nutzen die Chance, sich permanent weiterzubilden oder gar zu studieren.

Die Ausbildung bei Continental in Wetzlar genießt einen hervorragenden Ruf – und wenn man die höchst engagierten Ausbilder erlebt, weiß man, warum. Sie fördern und fordern ihre Auszubildenden, wo es geht. Elektronische Testbänke, die von Azubis entwickelt werden, kommen direkt bei Kunden zum Einsatz. So wird praxisnah gearbeitet und prozessorientiert ausgebildet – auch und vor allem dann, wenn sich die Auszubildenden oder dual Studierenden für einen acht wöchigen Auslandseinsatz an einem der weltweiten Standorte von Continental bewerben und behaupten müssen.

Engagierte Mitarbeiter, die wegweisende Produkte auf den Markt bringen

Scott Stegert, der es sich nicht nehmen lässt, uns beim Rundgang durch den Ausbildungsbereich zu begleiten, ist begeistert. Denn hier entsteht das, was den „Agile Campus“ bei Continental wahrscheinlich am meisten auszeichnet: nämlich agile und engagierte Mitarbeiter, die mit neuesten Methoden und modernen Mitteln wegweisende Produkte auf den Markt bringen. So kann es gelingen, der schnelllebigen Zeit im Automobilgeschäft immer einen Schritt voraus zu sein. Heute und in Zukunft.

 

UNTERNEHMENSPROFIL

Die Continental AG ist ein börsennotierter deutscher Technologiekonzern der Automobilzulieferbranche mit Sitz in Hannover. Das Unternehmen entwickelt wegweisende Technologien und Dienste für die nachhaltige und vernetzte Mobilität der Menschen und ihrer Güter. Aktuell beschäftigt Continental mehr als 220.000 Mitarbeiter an über 400 Standorten in 56 Ländern.
www.continental-corporation.com

 

 

Vice President Scott Stegert (links) und Sten-Olaf Wilkening, Director Innovation & Communication.
Vice President Scott Stegert (links) und Sten-Olaf Wilkening, Director Innovation & Communication.
Lutz Hofmann (oben) und Stefan Henß (unten) leben die Idee des ?Agile Campus? bei Continental.
Lutz Hofmann (oben) und Stefan Henß (unten) leben die Idee des „Agile Campus“ bei Continental.