Lars Netopil begutachtet eine seltene Leica Kamera. (Bilder: Michael Agel)
Lars Netopil begutachtet eine seltene Leica Kamera. (Bilder: Michael Agel)

Classic Cameras

Historic Treasures

Lars Netopil gilt als einer der profundesten Kenner historischer Leica Kameras. Sein Ladengeschäft „Classic Cameras“ in der Wetzlarer Altstadt gleicht einer feinen Schatztruhe. Ein Besuch außerhalb der Öffnungszeiten.

Am 1. Mai 2011 hat Lars Netopil eine E-Mail in seinem Postfach. Es ist eine Anfrage von einem Fotohändler am Timmendorfer Strand. Vor kurzem, berichtet der Fotohändler, habe er von einem Touristen eine klassische Leica Kamera über die Theke für 700 Euro in Zahlung genommen, weil sich der Kunde eine digitale Kamera kaufen wollte. In einem ungewöhnlichen Farbton sei diese Leica M2 lackiert. Zudem habe ein großes Fotohaus in Hamburg recherchiert, dass die Seriennummer der Kamera in den gängigen Listen nicht auftaucht. Unsicher, ob es sich dabei nicht vielleicht doch um ein seltenes Stück handle, bittet er bei Lars Netopil um eine fachkundige Einschätzung. Im Anhang schickt er einige Bilder von der Kamera – mit freundlichen Grüßen und ganz unverbindlich.

Etwas Besonderes, das seinen Puls in die Höhe treibt

„Als ich die Bilder von der Kamera anschaute, wusste ich sofort, dass diese Kamera ein sehr seltenes Stück ist und keine Fälschung sein kann“, erinnert sich Lars Netopil. Etwas Besonderes. Etwas, das seinen Puls unweigerlich in die Höhe treibt. In den 1940er-Jahren war man angesichts der zunehmenden Verknappung der Materialien dazu übergegangen, ursprünglich verchromte Bauteile „luftwaffenblau“ zu lackieren. In den Kriegsjahren wurden einige Serien produziert, danach nicht mehr. Bis auf ein Ausnahme: Für eine Einheit der amerikanischen Streitkräfte in Wiesbaden wurde 1960 die Leica M2 noch ein Mal in dieser Sonderlackierung angefertigt. In einer Kleinserie von 20 Stück. Als dann die Einheit 1969/70 wieder abgezogen wurde, hat ein Wiesbadener Händler diese stark gebrauchten Kameras mit der seltsamen Farbgebung günstig verkauft.

Sonderanfertigung aus dem Hause Leitz

Netopil recherchiert und holt sein gesamtes Wissen aus den Gehirnwindungen, um sicher zu gehen. Dass die Seriennummer der Kamera in keiner Liste auftaucht, ist für Netopil nicht überraschend. „Militärlieferungen wurden von Leitz damals nicht über den regulären Versand verschickt. Die Listen, an denen wir uns heute orientieren, stammen aber aus den Versandbüchern. Deshalb sind die Seriennummern dieser Sonderanfertigung gar nicht dokumentiert.“ Als er mit dem Fotohändler Kontakt aufnimmt, ist auch der schon einen Schritt weiter. In einem Auktionskatalog habe er ein baugleiches Exemplar gefunden. Schätzpreis: 80.000 bis 120.000 Euro. Die Auktion finde übrigens nächste Woche statt.

Eine Rarität, die nur alle paar Jahre mal auftaucht

Lars Netopil weiß, dass so eine Rarität nur alle paar Jahre mal auftaucht. Er weiß, dass er sie haben will. Und er weiß, dass er sofort an den Timmendorfer Strand aufbrechen muss. Auf die Schnelle packt er alles zusammen, was ihn als seriösen und geschätzten Experten ausweist – schließlich kennt man sich nicht. Die vertrauensbildenden Maßnahmen zeigen ihre Wirkung, auch der vom Fotohändler kurzfristig einberufene Familienrat signalisiert seine Zustimmung. Auf kürzestem Weg kehrt Netopil zurück nach Wetzlar – mit der seltenen Leica im Handgepäck.

Netopil macht seine Leidenschaft zum Beruf

Als Händler und Vermittler von klassischen Kameras lebt Lars Netopil von solchen Geschäften – auch wenn es ihm manchmal schwer fällt, sich von einem ganz besonderen Stück wieder trennen zu müssen. Klar hat er seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, im Grunde aber wusste Netopil von Anfang an zwischen Besitzen und Handeln zu unterscheiden. Im Konfirmandenalter kauft er sich seine erste Leica Kamera. Aus Liebe zur Fotografie. Aber auch aus Interesse an der Technik. Parallel dazu beginnt er, mit klassischen Kameras und Objektiven zu handeln, um sich für den Eigenbedarf neue Objektive leisten zu können. Während seines Jurastudiums betreibt er den Fotohandel nebenher. Später gibt er seinen Beruf als Anwalt zugunsten seiner Berufung auf.

Am Anfang war ein Objektiv

Netopil merkt schnell, dass er zwei Dinge nutzen kann, die ihn weiterbringen: Sein Wissen, das er sich vom Jugendalter an aufgebaut hat. Und seine Herkunft. Immer wieder verfolgt er Hinweise darauf, dass es in Wetzlar Bestände an klassischen Kameras, Objektiven und Zubehör gibt, die auf dem weltweiten Markt äußerst rar und deshalb gefragt sind. So verfolgt er etwa die Spur eines Objektivs, das in dem legendären Buch „Leica – die ersten 50 Jahre“ von 1975 beschrieben wird. 150 Stück wurden davon produziert, aber nur 58 wurden verkauft. Die restlichen 92 lagerten lange Zeit in den Depots von Leitz. Das Objektiv wurde dann irgendwann im Mitarbeiterverkauf angeboten.

Internationalen Kontakte zu Händlern, Kunden und Kollegen

Von Wetzlar aus geht Lars Netopil auf Auktionen, beobachtet den Markt und die Sammlerszene. Er wird Mitglied der fotohistorischen Gesellschaft Leica Historica in Wetzlar – heute ist er ihr Vorstand. Von zentraler Bedeutung sind seine internationalen Kontakte zu Händlern, Kunden und Kollegen in den USA und Thailand, in jüngster Zeit auch verstärkt in China. „Leica ist eine starke Marke mit einer großen Tradition – entsprechend begehrt sind die Sammlerstücke mittlerweile auch in Asien. Ich kenne Sammler, die seit mehr als dreißig Jahren nach ihrem Objekt der Begierde suchen. Und wenn ich eine seltene Kamera auf dem Markt sehe, weiß ich genau, welcher Sammler sich dafür interessiert“, so Netopil.

Manche Kunden kommen direkt nach Wetzlar

Der Austausch und die Kontaktpflege sind für Lars Netopil sehr wichtig. Früher hat er auf dem Balkon der Großmutter Kameras fotografiert und die Aufnahmen per Post an Interessenten geschickt. Heute geht das per E-Mail und mit digitalen Fotos natürlich viel einfacher und schneller. Manche Kunden kommen direkt zu ihm nach Wetzlar, um die Aura von Leitz und Barnack zu erleben. Wenn sie dann vor Netopils Laden stehen, sind sie eher überrascht. „Viele meiner internationalen Kunden erwarten ein riesiges, mehrstöckiges Fotogeschäft.“

An einer klassischen Leica geht nichts kaputt

Tatsächlich ist Lars Netopil ein Ein-Mann-Betrieb. Für die Überholung klassischer Kameras arbeitet er direkt mit Leica zusammen. Oder mit Ottmar Michaely in Ehringshausen, der Kameras bis 1923 restauriert und sogar Bauteile nach Originalzeichnungen anfertigt. „Das Gute ist ja, dass an einer klassischen Leica nichts kaputt geht, solange man keine Gewalt anwendet oder etwa Salzwasser hineinläuft. Man kann prinzipiell jede klassische Leica technisch wiederherstellen.“ Alles funktioniert hier hochpräzise und vollmechanisch, vergleichbar mit einem Uhrwerk. Aber: So ein Getriebe muss natürlich geschmiert werden. Wenn eine Kamera nicht genutzt wird und lange steht, verändert sich die physische Konsistenz der Schmiermittel, sie verharzen und werden fest. In solchen Fällen wird die Kamera vollständig auseinander genommen, gesäubert, neu geschmiert und wieder zusammengesetzt.

Klassische Kameras im Schaufenster

Ob eine gebrauchte Kamera beim Kauf oder Verkauf gut dasteht und funktioniert, ist also eher zweitrangig. Auch Gebrauchsspuren sind durchaus gewünscht. Entscheidend ist der Urzustand – von den Chromteilen bis zur Belederung. In Netopils Schaufenster steht eine M3 mit der originalen Garantiekarte, auf der damals noch händisch die jeweilige Seriennummer eingetragen wurde. In seltenen Fällen kommt eine Kamera mit besonderer Provenienz auf den Markt – etwa von berühmten Fotojournalisten wie Alfred Eisenstaedt (1898-1995) oder David Douglas Duncan (*1916). „Duncan und Eisenstaedt hatten in den 1950er-Jahren den Anstoß gegeben, die neue M3 mit einem Merkmal auszustatten, das für die M3 eigentlich gar nicht vorgesehen war: den Schnellaufzug am Boden. Für Fotojournalisten war das natürlich wichtig, um möglichst viele Aufnahmen hintereinander schießen zu können. Leitz ließ sich überzeugen und schickte vier Individualanfertigungen an Duncan, eine an Eisenstaedt.“ Daraus, so Netopil weiter, sollte später die legendäre Leica MP für Pressefotografen in einer Stückzahl von 400 hervorgehen.

Leidenschaftlicher Jäger und Sammler

Lars Netopil stellt seine „luftwaffenblaue“ M2 zurück in die Vitrine. Ob er manchmal von der UR-Leica träumt? „Nein“, antwortet der leidenschaftliche Jäger und Sammler, „die UR-Leica gibt es nur ein Mal. Sie ist im Besitz von Leica und gehört zu Wetzlar.“ Aber direkt danach gab es ja die so genannte Nullserie von 1923, die 25-mal gebaut wurde. Davon ist eine im Besitz von Leica, 16 Exemplare befinden sich in Privatsammlungen. Wo die neun weiteren Kameras verblieben sind, weiß man nicht. Noch nicht.

 

 

Weitere Informationen:

www.lars-netopil.com

Eine Leica M2 im Schaufenster von Lars Netopils Laden.
Eine Leica M2 im Schaufenster von Lars Netopils Laden.
Original: Leica Kameras mit Verpackung und Garantiekarte.
Original: Leica Kameras mit Verpackung und Garantiekarte.