MINOX-Chef Thorsten Kortemeier (rechts) und Jens Kohlhase von Volkswagen Design. (Bilder: Christian Plaum)
MINOX-Chef Thorsten Kortemeier (rechts) und Jens Kohlhase von Volkswagen Design. (Bilder: Christian Plaum)

MINOX

Design Made in Germany

Es gibt Menschen, die behaupten, Design sei nur eine Frage des Geschmacks. Für MINOX-Chef Thorsten Kortemeier und Jens Kohlhase von Volkswagen Design geht es um weit mehr. Seit 18 Jahren arbeiten sie zusammen. In diesem Zeitraum wurden ihre Produkte mit 34 nationalen und internationalen Designpreisen ausgezeichnet.

Es ist nicht so, dass im Büro von Thorsten Kortemeier jede Menge Designpokale oder -urkunden in Vitrinen aufgebahrt wären. Viel wichtiger sind die ausgezeichneten Produkte. Einige davon hat der MINOX-Chef mitgebracht, darunter die jüngsten Preisträger: das Fernglas MINOX BL 8x44 HD (Red Dot Award 2014) und dessen kleinen Bruder BL 8x33 HD (IF Design Award 2015). Daneben legt Jens Kohlhase Skizzen und Entwürfe aus. Man merkt sofort, wie sehr die Begeisterung für die gemeinsame Sache die beiden verbindet.

W3+: Wie und wann kam es zu der Zusammenarbeit zwischen MINOX und Volkswagen Design?

Thorsten Kortemeier: Wir haben Mitte der 1990er-Jahre die Werte von MINOX neu definiert, produktseitig vor allem im Hinblick auf Kompaktkameras, die neu auf den Markt kommen sollten. Das Design spielte in diesem Segment eine große Rolle. Zeitgleich kam Volkswagen im Rahmen eines Benchmark-Projektes auf uns zu, angestoßen vom damaligen Chefdesigner Hartmut Warkuß, der eine hohe Affinität zur Fotografie hatte. Wir haben uns also sozusagen gesucht und gefunden. Dabei war klar, dass wir uns nicht das Label „designed by“ einkaufen wollten, sondern einfach nur ein gutes Design, das unsere Marke und unsere Produkte auszeichnet.

Jens Kohlhase: Ich habe 1997 bei Volkswagen begonnen. Meine Stelle wurde sozusagen wegen MINOX neu geschaffen. Das Thema begleitet mich also von Anfang an. Die ersten Produkte, die wir gestaltet haben, waren die Kompaktkameras CD 70 und CD 25. Das C stand übrigens für Compact und das D für Design.

W3+: Dabei hat doch ein Auto zunächst einmal nicht wirklich viel mit einer Kamera oder einem Fernglas gemeinsam?

JK: Ja und nein. Die Zusammenarbeit zwischen MINOX und Volkswagen Design ist ja auch aus der Idee heraus entstanden, über den Tellerrand der jeweils eigenen Branche hinauszuschauen. Organisatorisch und inhaltlich bin ich bei Volkswagen dem Bereich Interieurdesign zugeordnet. Und da gibt es fast schon natürliche Berührungspunkte, vor allem wenn es um die Haptik, um taktile Reize und ergonomische Fragestellungen geht. Nehmen Sie zum Beispiel die Gummirippen am Fokussierrad der MINOX Ferngläser, da erkennt man eine Verwandtschaft zu den Drehreglern in Volkswagen Automobilen. Wohlgemerkt, wir sprechen hier nicht von Gleichteilen, sondern von einer gleichen Idee, die in beiden Bedienelementen unterschiedlich umgesetzt wird.

TK: Wobei ich Wert darauf lege, dass wir die Gummirippen tatsächlich zuerst hatten (lacht). Die Idee ging aus der Zusammenarbeit zwischen MINOX und Volkswagen Design hervor. Umgekehrt profitieren wir wiederum von der enormen gestalterischen und materialtechnischen Kompetenz der Kollegen aus Wolfsburg. Volkswagen Design beschäftigt rund 600 Mitarbeiter und ist weltweit aktiv. Auch und vor allem im Hinblick auf aktuelle oder zukunftsweisende Designtrends. Das könnten wir bei MINOX gar nicht leisten. Unter dem Strich muss man sagen, dass die Zusammenarbeit Impulse freisetzt, von der beide Seiten profitieren.

W3+: Es geht also um mehr als ein Design für verschiedene Produkte?

JK: Ja, klar. Natürlich haben wir es hier mit völlig unterschiedlichen Produkten zu tun. Was aber viel wichtiger ist, sind gemeinsame Werte und Standards, die das Design der beiden Marken und ihrer Produkte prägen. Sehen Sie, die Identität und Tradition der Marke MINOX weisen seit jeher eine sehr starke Designkomponente auf. Das macht es für uns natürlich umso spannender. Auf dieser Grundlage haben wir ein Designkonzept entwickelt, das geeignet ist, die Werte von MINOX weiterzuentwickeln und neu zu interpretieren, ohne dabei die Ziele und Qualitätsansprüche von Volkswagen Design aus den Augen zu verlieren.

W3+: Kann man in dieser Konstellation von Design „made in Germany“ sprechen?

TK: Dass die Zusammenarbeit von MINOX und Volkswagen Design auf gemeinsamen Werten und Standards beruht, ist ja kein Zufall. Wir haben uns damals bewusst für Design „made in Germany“ entschieden – und diese Kompetenz wird bis heute weltweit geschätzt. Das wird einerseits von den Kunden sehr positiv wahrgenommen, andererseits erleichtert es auch die Zusammenarbeit: zwischen MINOX und Volkswagen Design, aber ganz konkret auch zwischen uns beiden. Seit 18 Jahren haben wir unzählige Kameras und Sportoptiken erfolgreich auf den Weg gebracht und 34 Auszeichnungen für herausragendes Produktdesign erhalten. In jedem einzelnen dieser Produkte steckt Design „made in Germany“.

W3+: Wie wichtig ist ein konsequentes und kontinuierliches Design für die Marke?

TK: Es gibt in unserer Branche viele vergleichbare Produkte. Umso wichtiger ist es, eine unverwechselbare Formsprache zu entwickeln, die dafür sorgt, dass der Kunde unter allen Produkten ein MINOX-Produkt erkennt. Wir sprechen hier vom berühmten „Gesicht in der Menge“. Konsequentes Design spielt also für uns eine wichtige Rolle, um uns neben optischen und technischen Produktmerkmalen auch durch Design vom Wettbewerb abzusetzen.

Die Frage nach der Kontinuität knüpft unmittelbar daran an. Dabei muss man grundsätzlich zwischen verschiedenen Konsumgütern unterscheiden. Wenn ich mich etwa für ein Jackett entscheide, rechne ich damit, dass sein Schnitt, seine Farbe oder das Muster bereits in ein, zwei Jahren nicht mehr modisch sein könnten. Bei unseren Produkten ist das anders: Wir verkaufen feinmechanisch und optisch hochpräzise Konsumgüter mit einem sehr langen Lebenszyklus und 30 Jahren Garantie. Wenn wir also von Unverwechselbarkeit sprechen, dann zielt sie ganz klar auf Wertigkeit und Langlebigkeit ab. Dafür steht unsere Marke. Und das spiegelt sich auch im Design wider: Es folgt keinen modischen Trends, sondern einer kontinuierlichen Linie.

W3+: Es gibt also eine Art DNA oder entsprechende Design-Regeln, die allen MINOX-Produkten zugrunde liegen?

JK: Wir haben für MINOX eine Designsprache entwickelt, die eben nicht modisch ist, sondern reduziert und puristisch, was zu einer formalen Langlebigkeit führt. Die Grundlage dafür bildet ein logisches Liniengerüst, also eine Art Raster, in dem sich die Produktentwürfe bewegen. Nehmen Sie zum Beispiel die Position des Fokussierrades, dem bei einem Fernglas sowohl funktional als auch gestalterisch eine besondere Bedeutung zukommt. Das Fokussierrad wiederum liegt mit dem Dioptrienring auf einer Linie. Hinzu kommen die Grafiken auf dem Produkt und natürlich die visuelle und taktile Anmutung der Materialien, bis hin zu den Phasen am Ende der Tuben. All das sind Gestaltungsmerkmale, die den Ferngläsern von MINOX und der Marke ein Gesicht geben. Es gibt also tatsächlich eine Art DNA. Die darin formulierten Design Rules sind gesetzt, werden aber auch kontinuierlich gepflegt und weiterentwickelt.

W3+: Der alte Leitsatz „Die Form folgt der Funktion“ stammt aus der Architektur. Wie entsteht ein Produkt, das sowohl durch außergewöhnliches Design als auch höchste Funktionalität überzeugt?

JK: Aus meiner Sicht kann man Form und Funktion gar nicht so genau trennen. Klar, ein Fernglas besteht im Wesentlichen aus zwei Tuben oder Rohren, die über eine Brücke miteinander verbunden sind. Die Linsen wiederum geben die Form der Tuben vor – bei einem 33er-Fernglas verlaufen sie gerade, bei einem 44er-Fernglas hingegen konisch. An diesen funktionalen oder optischen Grundkonstellationen kommt man auch formal nicht einfach so vorbei. Andererseits erwachsen aus diesen Konstellationen durchaus spannende Gestaltungsspielräume. So können wir durch gestalterische Maßnahmen im Hinblick auf Ergonomie, Kompaktheit und Gewicht entscheidend Einfluss nehmen. Ich würde sogar behaupten, dass das Design an vielen Stellen die Funktion des Produktes positiv unterstützt: wenn etwa ein Fernglas gut in der Hand liegt und der Finger fast schon intuitiv auf dem Fokussierrad sitzt. Bei den jüngsten Ferngläsern der BL HD Serie wiederum ist die Skala des Dioptrienrings zunächst versteckt. Sie wird erst dann sichtbar wenn der Dioptrienausgleich tatsächlich erforderlich ist und die Eyecaps herausgeschraubt werden. Das sind kleine Details, die nicht nur nützlich oder sinnvoll sondern auch sehr schön sind.

TK: Unsere Kunden legen großen Wert auf optische Leistung und optimale Handhabung. Die optische Leistung lässt sich durch Design nicht wesentlich beeinflussen. Bei der Handhabung hingegen spielt das Design eine wichtige Rolle. Aber auch da muss man jeden einzelnen Aspekt auf den Prüfstein stellen. Ein leichtes Fernglas etwa lässt sich einfacher handhaben, es wirkt aber längst nicht mehr so wertig. Und wenn Sie ein besonders kompaktes Fernglas wollen, können Sie es nicht optimal in der Hand halten.

W3+: Beim Wassersport-Fernglas BN 7x50 kommt auch noch Elektronik ins Spiel. Macht das die Arbeit am Design eher schwieriger?

TK: Bei einem Wassersport-Fernglas gelten ganz andere Regeln: Es wird normalerweise nicht um den Hals getragen und nach der Benutzung nicht hingelegt sondern hingestellt – und sollte bei hohem Wellengang auch möglichst stehen bleiben. Was die Integration des digitalen Kompasses anbelangt, sind wir auch hier der Prämisse gefolgt: einfaches Design und verständliche Handhabung. Das gilt für die Anzeigen im Sehfeld des Fernglases genauso wie für die Bedienelemente.

W3+: Wie sehr denken und entwerfen Sie auch aus der Sicht der Anwender?

TK: Wir folgen hier bei MINOX einem klar definierten Innovationsprozess. Er beginnt mit der Idee und reicht über die Vorentwicklung, Konstruktion und das Design bis zur Marktreife und Markteinführung. Dabei gibt es verschiedene Phasen, in denen wir uns mit dem Markt in Verbindung setzen, und zwar mit Endkunden und Händlern gleichermaßen. Denn was für die Endkunden gut ist, muss nicht zwingend richtig für die Händler sein – und umgekehrt. Entscheidend ist für uns das Expertenwissen von Seglern, Ornithologen oder Jägern, die wir – je nach Produkt – einbeziehen; aber auch die Rückmeldungen aus der Serviceabteilung.

W3+: Der legendäre Produktdesigner Jonathan Ive hat es geschafft, dass Apple-Produkte sozusagen einen „Must have“-Impuls auslösen. Ist das ein Vorbild oder eher eine Ausnahmeerscheinung?

JK: Ich glaube, dass Apple vor allem zwei Leitmotive verinnerlicht hat: Erstens, eine starke Idee, die tragfähig ist für Jahrzehnte. Und zweitens die Einheit von Technik und Design in einzigartiger Konsequenz. Das Produktdesign von Apple mag sich über die Jahre verändert haben, geblieben sind diese zwei Grundsätze. Ob der angesprochene „Must have“-Impuls nur mit dem Design zusammenhängt, glaube ich nicht. Aber Apple hat in dieser Hinsicht ohne Zweifel ganz neue Standards gesetzt.

TK: Aus der Sicht des Verkäufers wäre ich natürlich der glücklichste Mensch, wenn unsere Produkte einen ähnlichen „Must have“-Impuls auslösen würden (lacht). Aber im Ernst: Apple ist natürlich ein Vorbild, aber es wäre völlig falsch, sich daran messen zu wollen. Zumal man auch hier differenzieren muss: Ein Laptop, Smartphone oder Tablet hat eine vergleichsweise geringe Halbwertszeit. Bei uns ist das, wie gesagt, ganz anders. Man kauft sich nicht alle zwei Jahre ein neues Fernglas. Deshalb folgen unsere Produkte auch keinen modischen Trends, sondern einer klaren Linie. Alle zusammen stehen für das, was unser Design ausmacht: Konsequenz und Kontinuität, Wertigkeit und Langlebigkeit.

 

Weitere Informationen:

www.minox.com