Die neuen Magistratsmitglieder im Neuen Rathaus Wetzlar. (Bilder: Michael Agel)
Die neuen Magistratsmitglieder im Neuen Rathaus Wetzlar. (Bilder: Michael Agel)

Stadt Wetzlar

Stadtpolitik

Seit 1. September 2011 sind die neuen Magistratsmitglieder der Stadt Wetzlar im Amt. Im Gespräch schildern Sigrid Kornmann, Wolfgang Borchers und Manfred Wagner, wie sie die Stadtpolitik mitgestalten.

W3+: Der neue Magistrat in Wetzlar scheint das zu schaffen, was auf Landes- oder Bundesebene kaum denkbar ist: SPD, Grüne und Freie Wählergemeinschaft wollen zusammen mit CDU und FDP mit haupt- und ehrenamtlichen Dezernenten im Magistrat gemeinsam Politik gestalten. Wie gelingt das?

Wolfgang Borchers: Als oberstes Verwaltungsgremium der Stadt arbeiten wir sehr kollegial zusammen, und zwar über die Parteigrenzen hinweg. Ich hatte bislang nie den Eindruck, dass hier verschiedene politische Lager aufeinandertreffen, stattdessen suchen wir immer im Interesse der Stadt den richtigen Weg. Darüber hinaus haben wir ja ein Mandat, das sich aus dem Koalitionsvertrag von SPD und den Grünen ergibt. Diese Koalition kooperiert mit den Freien Wählern, aber in wichtigen Fragen werden sogar alle Fraktionsvorsitzenden eingebunden.

Manfred Wagner: Natürlich setzen wir unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb der Stadtpolitik, aber in der Sache liegen wir meist gar nicht so weit auseinander. Wichtig ist, dass wir tragfähige Entscheidungen nicht auf der Basis eines kleinsten gemeinsamen politischen Nenners treffen sondern mit Blick auf den größtmöglichen Nutzen für die Stadt.

Sigrid Kornmann: Ich blicke nun auf 23 Jahre in der Kommunalpolitik zurück und habe auch schon ganz andere politische Konstellationen auf Kreisebene erlebt. Der Umgang untereinander war und ist im Stadtparlament und im Magistrat der Stadt Wetzlar immer sehr konstruktiv und vorbildlich.

W3+: Herr Borchers, nach unserem Kenntnisstand sind Sie der erste grüne hauptamtliche Stadtrat in Wetzlar. Wie viele grüne Themen können und wollen Sie einbringen?

Wolfgang Borchers: Natürlich ist für mich ein ganz wesentlicher Punkt die Energiewende. Die Grünen haben dieses Thema schon vor Jahrzehnten initiiert, aber die Notwendigkeit einer Umstellung auf erneuerbare Energien haben inzwischen alle Parteien erkannt. Auch hier ziehen wir also im Magistrat an einem Strang und diskutieren auf Augenhöhe unterschiedliche Energiekonzepte. Dabei geht es einerseits um Maßnahmen, wie wir auf kommunaler Ebene die Energieeffizienz von Privathaushalten, städtischen Einrichtungen oder auch im öffentlichen Nahverkehr verbessern können. Andererseits erarbeiten wir zukunftsfähige Konzepte für die Erschließung neuer Energiequellen wie etwa Windkraft oder Solarthermie. Dazu diskutieren wir gerade die Ergebnisse einer Potenzialanalyse, auf deren Grundlage dann die Weichen für die Zukunft gestellt werden.

W3+: Sowohl Grüne als auch SPD sind ja mit dem Anspruch angetreten, dass Politik nicht mehr in Hinterzimmern verhandelt wird sondern die Bürger mitnimmt.

Manfred Wagner: Die Erwartungshaltung der Bürgerinnen und Bürger, dass wir einen neuen Politikstil pflegen, ist natürlich hoch und mit einer gehörigen Portion Ungeduld verbunden. Das zeigt, wie groß das politische Interesse in Wetzlar ist. Im Oktober hatten wir erstmals eine Bürgerversammlung, weil wir nicht einfach nur fertige Konzepte präsentieren wollen, sondern auch Alternativen aufzeigen und anhören. In meinem Dezernat nimmt ein öffentlich tagender Behindertenbeirat seine Arbeit auf, der sowohl politische Entscheidungsträger als auch die Bevölkerung für die Bedürfnisse der Behinderten sensibilisieren soll. Nehmen Sie zum Beispiel die Fußwege: Wenn wir etwa beschließen, die Bordsteine in der Stadt abzusenken, schaffen wir eine spürbare Erleichterung für die Mobilität von Rollstuhlfahrern. Den Sehbehinderten wiederum erweisen wir damit einen Bärendienst, weil jeder Bordstein für sie eine wichtige Orientierung darstellt. Genau solche Fragen und Bedürfnisse sollen durch den Behindertenbeirat in die Öffentlichkeit getragen werden.

Wolfgang Borchers: Ein anderes Thema, das eher das Baudezernat betrifft, aber uns alle angeht, ist die Einbeziehung der Bürgerinnen und Bürger bei größeren Bauvorhaben. Auch hier wollen wir die Bevölkerung möglichst früh in die Planungen einbeziehen. Was zum Beispiel mit dem Stadthaus am Dom künftig passiert, können und wollen wir nicht über die Köpfe der Einwohner hinweg entscheiden.

W3+: Heißt das im übertragenen Sinne: Lernen von Stuttgart 21?

Sigrid Kornmann: Ja, wenn auch in weitaus kleinerem Maßstab. Es geht uns um eine Kultur des aktiven Zuhörens, indem das, was von den Bürgern eingebracht wird, ernst genommen und in die Entscheidungsfindung einbezogen wird.

Wolfgang Borchers: Genau dafür schaffen wir den Rahmen. Wir bieten allen Einwohnern die Möglichkeit, an einem Gespräch zu bestimmten Projekten teilzunehmen. Auf dieser Basis treffen wir dann eine vernünftige und verlässliche politische Entscheidung.

W3+: Herr Wagner, die Bundesregierung hat die Mittel des Bund-Länderprogramms „Soziale Stadt“ im Jahr 2011 extrem gekürzt. Wetzlar hat sich im Zuge dieses Programms sehr engagiert.

Manfred Wagner: Wir haben im Rahmen des Programms sehr viele Projekte initiiert und umgesetzt – von Integrations- und Sprachkursen über die Erschließung neuer Wohnquartiere bis hin zu Freizeitmöglichkeiten und Nachbarschaftsprojekten. Umso bedauerlicher ist es, dass die Mittel dafür so drastisch gekürzt wurden. Wir stehen nun vor der Aufgabe, die erfolgreiche Arbeit der vergangenen Jahre fortzusetzen, wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Man darf ja nicht vergessen, dass all diese Projekte unterm Strich dazu beitragen, die Lebensqualität für viele Menschen in der Stadt zu verbessern – und daran möchten wir auch weiterhin festhalten.

W3+: Wie weit sind die Vorbereitungen für den Hessentag 2012?

Manfred Wagner: Die Arbeit des Lenkungsausschusses, der Hessentagsbeauftragten und verschiedenen Projektgruppen läuft auf Hochtouren. Sichtbar werden die Vorbereitungen vor allem an größeren Infrastrukturprojekten – denken Sie zum Beispiel an den Bahnhof. Entscheidend sind für uns zwei Dinge: zum einen die kurzfristige Aufmerksamkeit, die Wetzlar während des Hessentags zuteil wird; zum anderen die langfristige Perspektive, dass die spürbare Aufbruchstimmung im Zuge des Hessentags die Stadt weiter nach vorne bringen und auch künftig noch mehr Auswärtige anlocken wird. Wir verzeichnen im Tourismusbereich steigende Zahlen und hoffen, dass die Besucher des Hessentags auch danach gerne wieder kommen.

Sigrid Kornmann: Nicht zu vergessen, dass der Hessentag die Stadt auch im Hinblick auf den Standortwettbewerb weiter nach vorne bringen wird. Die Unternehmen in Wetzlar und Umgebung suchen händeringend nach qualifizierten Fachkräften, die sie nur dann bekommen, wenn auch die weichen Standortfaktoren stimmen: Dazu gehören Bildungseinrichtungen und Kinderbetreuung genauso wie kulturelle, sportliche und Freizeitangebote. Zunehmend entscheidet die Attraktivität einer Stadt über die berufliche Standortwahl.

W3+: Stellen Sie sich vor, Sie müssten einem Auswärtigen schildern, warum Wetzlar besonders lebens- und liebenswert ist.

Sigrid Kornmann: Ich reise sehr viel, und wenn ich den Menschen erzähle, dass ich aus Wetzlar komme, dann fällt sofort der Name Leica. Bei Kulturinteressierten fallen auch die Namen Goethe und Lotte. Für mich spielt dieses industrielle und kulturelle Erbe eine große Rolle. Beide Aspekte – Industrie und Kultur – sind hier historisch gewachsen und sie schaffen bis heute einen unverwechselbaren Lebensraum, den man sonst nur schwer findet.

Wolfgang Borchers: Aus meiner Sicht hat Wetzlar ein ganz besonderes Flair, das ich als sehr persönlich und auch gemeinschaftlich beschreiben würde. Man trifft sich in der Altstadt, kauft dort in inhabergeführten Läden ein und trinkt anschließend im Bistro der Lebenshilfe einen Kaffee. Das kulturelle und sportliche Angebot lässt kaum Wünsche offen. Und wer zwischendurch auch mal Körper und Geist lüften möchte, findet in den Ausläufern von Taunus und Westerwald die schönsten Naturlandschaften.

Manfred Wagner: Wir leben in einer Region, in der mittlerweile viele Menschen Urlaub machen. Und das ist doch an sich schon ein Privileg. Natürlich ist unsere lebendige Altstadt in diesem Zusammenhang ein städtischer und auch überregionaler Anziehungspunkt. Für mich aber hat jeder Stadtteil seinen ganz eigenen besonderen Charakter. Ja, ich würde sagen, dass unsere Stadt von ihrer eigenen Vielfalt lebt. Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen, um zu erkennen, dass Wetzlar sehr, sehr viel zu bieten hat.

 

Weitere Informationen:

www.wetzlar.de

 

 

Wolfgang Borchers
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