Manfred Wagner, Oberbürgermeister der Stadt Wetzlar, in seinem Büro. (Bilder: Ralf A. Niggemann)
Manfred Wagner, Oberbürgermeister der Stadt Wetzlar, in seinem Büro. (Bilder: Ralf A. Niggemann)

Stadt Wetzlar

Manfred Wagner

Seit November 2015 ist Manfred Wagner Oberbürgermeister in Wetzlar. Im Interview erzählt er, was ihn bewegt und was er in seiner Geburtsstadt bewegen will.

Viel hat sich im Neuen Rathaus für Manfred Wagner verändert. Aber der Oberbürgermeister setzt auch auf Kontinuität. Schließlich war er schon vier Jahre Bürgermeister, bevor er zum OB gewählt wurde. Sein Dezernat, das er bereits seit 2011 führt, hat er angereichert um einzelne Querschnittsbereiche behalten. Und sein Büro auch. Neben der Tür zum Vorzimmer hängt ein Bild von August Bebel. An der Wand lehnt ein Spaten, der weit mehr ist als nur ein Erinnerungsstück.


W3+: Herr Wagner, was hat es mit dem Spaten auf sich?

MW: Das ist der Spaten, mit dem wir den offiziellen Startschuss für den dritten Bauabschnitt im Leitz-Park gefeiert haben. An diesen Tag im Juni erinnere ich mich gerne. Die Entscheidung der Leica Unternehmensführung, das Weltunternehmen mit dem roten Punkt wieder an seinem Geburtsort anzusiedeln, war ein ganz wichtiges Signal. Für die Stadt und für die Menschen. Und wenn man sieht, was dort in jüngster Zeit entstanden ist und in den nächsten Jahren entstehen wird, dann ist das schon beeindruckend.


W3+: Glaubt man den Volkswirten, dann gelten Bautätigkeiten als positives Zeichen.

MW: Das sehe ich auch so. Für manche Leute sind Baustellen eine nachvollziehbare Belastung. Aber im Grunde genommen zeichnet sich darin eine Dynamik ab, die ganz deutlich sichtbar macht, dass sich etwas bewegt. Alle, die täglich am Leitz-Park vorbeifahren, können das bezeugen. Auch an anderen Stellen in Wetzlar tut sich eine Menge: zum Beispiel auf dem Gelände der ehemaligen Heidelberg Zement, das ja früher das Buderus Zementwerk war. Diese Industriebrache mit 70.000 Quadratmetern konnten wir neu erschließen. Am 18. Mai 2017 eröffnet hier in Zentrumsnähe der neue IKEA. Gleichzeitig befassen wir uns im Rahmen der Stadtentwicklung mit sensiblen Bereichen wie etwa der Bahnhofstraße. Da ist es uns gelungen, mit großer Bürgerbeteiligung eine Rahmenkonzeption zu entwickeln, die die Attraktivität und Aufenthaltsqualität deutlich erhöhen werden. Dabei wollen wir auch ganz gezielt die beiden Flüsse Lahn und Dill in den Erlebnisraum Stadt einbeziehen.


W3+: Viele dieser Projekte haben Sie selbst in den vergangenen Jahren mit auf den Weg gebracht. Betrachtet man diese Dynamik als Oberbürgermeister noch einmal anders?

MW: Ich freue mich natürlich darüber. Und ich bin sehr froh, dass ich als Oberbürgermeister diese Projekte weiter vorantreiben kann. Dabei kommt mir sicher zugute, dass ich nicht bei Null anfangen musste. Gemeinsam mit den Magistratskollegen, so auch meinem Vorgänger Wolfram Dette, haben wir in den zurückliegenden Jahren engagiert an der Entwicklung unserer Stadt gearbeitet.


W3+: Wolfram Dette hatte ein anderes Parteibuch, ein Wechsel in der politischen Linienführung ist aber nicht wirklich spürbar, oder?

MW: Das ist in weiten Teilen richtig. Bereits seit 2011 und damit in den Jahren vor dem Wechsel im Amt des Oberbürgermeisters gab es in der Stadtverordnetenversammlung eine Koalition aus drei Parteien, die neben mir als hauptamtlichem Bürgermeister von zwei hauptamtlichen Stadträten repräsentiert wurde. Und obwohl Wolfram Dette als Oberbürgermeister dieser Koalition nicht angehörte, haben wir mittel- und langfristige Pläne für unsere Stadt gemeinsam auf den Weg gebracht. An der Einschätzung, die großen Linien der Stadtentwicklung möglichst mit breiten Mehrheiten zu tragen, hat sich seit meinem Amtsantritt nichts geändert. Selbstverständlich setzen wir als politische Mandatsträger unterschiedliche Schwerpunkte innerhalb der Stadtpolitik. Wichtig ist uns aber, dass wir tragfähige Entscheidungen nicht auf der Basis eines kleinsten gemeinsamen Nenners treffen sondern mit Blick auf den größtmöglichen Nutzen für die Stadt.


W3+: Als Oberbürgermeister der Stadt Wetzlar behalten Sie die Zuständigkeit für Ihr bisheriges Dezernat.

MW: Das ist richtig. Ich war seit 2011 Bürgermeister für Jugend, Soziales und Sport. Und das bin ich nach wie vor. Hinzu gekommen sind Querschnittsbereiche wie etwa Personal, Rechtsservice und Brandschutz. Es war mir wichtig, in diesen Arbeitsfeldern eine gewisse Kontinuität zu schaffen. Das gleiche gilt übrigens auch für die anderen Dezernate.


W3+: Erreicht man also den größtmöglichen Nutzen durch Kontinuität?

MW: Solange man Kontinuität nicht mit Stillstand verwechselt ... (lacht) Nein, im Ernst: Ich würde eher von kontinuierlichem Wandel sprechen. In der Stadtpolitik gibt es einiges, was kurzfristig entschieden werden muss. Die entscheidenden Fragen mit weitaus größerer Tragweite sind jedoch langfristig angelegt. Dazu zählt etwa die infrastrukturelle, wirtschaftliche und soziale Stadtentwicklung. Hier gibt es Konzeptionen und Maßnahmen, deren Effekte teilweise erst Jahre später sichtbar oder spürbar werden.


W3+: Zum Beispiel?

MW: Neben anderen, ist ein wesentliches Projekt im Rahmen sozialer Stadtentwicklung, das nach langer und intensiver Vorbereitung gerade Konturen annimmt, das Quartier Dalheim / Altenberger Straße. Hier entstanden im Laufe des letzten Jahrhunderts wichtige Arbeitersiedlungen, deren bauliche und soziale Infrastruktur den aktuellen Anforderungen unserer Zeit nicht mehr entsprechen. Das ändert sich gerade. Im Zuge dessen wurden von der Stadt, von sozialen und kirchlichen Trägern viele Initiativen ins Leben gerufen, die diese Veränderung ganz wesentlich unterstützen. Dazu gehört auch ein Sportangebot – sowohl im Breiten- als auch im Spitzensport, das für eine Stadt mit annähernd 53.000 Einwohnern beachtlich ist.


W3+: Die Region Wetzlar hat sich auch wirtschaftlich in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten stark verändert. Heute ist es vor allem eine Technologieregion. Wie können Sie diese Entwicklung stützen und weiter ausbauen?

MW: Die Potenzialanalysen der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) haben aufgezeigt, dass wir vor allem im Bereich der Querschnitts- und Schlüsseltechnologien stark sind. Da spielt die Optik eine ganz zentrale Rolle. Umso erfreulicher ist die Entscheidung der THM, die geplante Stiftungsprofessur für Optische Technologien mit dem angegliederten Optikzentrum an der Spilburg anzusiedeln. Das kann der Optikstadt Wetzlar nochmals deutliche Impulse geben. Zumal wenn man bedenkt, dass davon nicht nur die Unternehmen aus Wetzlar, sondern in der ganzen Region profitieren. Dadurch können wir die Technologiekompetenz in der Region sichern und sogar für die Zukunft ausbauen.

Was mich besonders freut, ist der Erfolg der Netzwerkmesse W3+ FAIR. Die Initiatoren des Wetzlar Network und der Veranstalter Fleet Events haben es innerhalb kürzester Zeit geschafft, ein Forum für Optik, Elektronik und Mechanik auf die Beine zu stellen, das der Wirtschaftsregion noch mal eine ganz neue Aufmerksamkeit beschert hat. Und zwar international. Das ist gut für die Stadt und noch besser für die hiesigen Unternehmen.


W3+: Wie nah sind sie an den Bedürfnissen der Unternehmen dran?

MW: Bei uns ist die Industriedichte hoch, aber die Wege sind kurz. Unsere Arbeit war schon immer dadurch geprägt, dass wir die Unternehmen hier in Wetzlar bestmöglich unterstützen. Und zwar die Leitunternehmen genauso wie die vielen Mittelständler, die wirklich Außerordentliches leisten. Das betrifft die Unterstützung der Unternehmen mit Blick auf deren Zukunftsfähigkeit, aber auch die Attraktivität des Standortes. Wir sind uns bewusst, dass gerade die hochspezialisierten Unternehmen der Region dringend nach qualifizierten Fachkräften suchen. Und deren Entscheidung, ihr berufliches und privates Umfeld nach Wetzlar zu verlegen, hängt ganz wesentlich davon ab, was die Stadt und die Region zu bieten haben. Darauf zielen ja viele der genannten Stadtentwicklungsprojekte ab: den Standort Wetzlar noch lebenswerter zu machen.


W3+: Wie würden Sie einen Unternehmer oder eine Fachkraft davon überzeugen, nach Wetzlar zu kommen?

MW: Ich glaube, dass Wetzlar als mittelgroße Stadt einiges zu bieten hat. Die Sportstadt Wetzlar hatte ich ja bereits erwähnt. Unsere Altstadt hat – wie ich finde – eine ganz außergewöhnliche Atmosphäre, die durch die Planungen im Hinblick auf das Stadthaus noch mal deutlich hinzugewinnen wird. Das kulturelle Leben ist reichhaltig, das Freizeitangebot ist groß, die schulischen Angebote und Betreuungsmöglichkeiten für Kinder sind für junge Familien sehr interessant. Von Wetzlar kommt man über die Fernstraßen, den Schienenverkehr oder den Frankfurter Flughafen fast überall hin. Ich würde sagen: Wer nicht die Verlockungen einer Großstadt sucht, wird sich in Wetzlar ganz schnell zu Hause fühlen.


W3+: Auf Ihrer Internetseite schreiben Sie: „Es gibt nichts, was nicht noch besser werden könnte.“ Wird diese Maxime Ihre künftige Arbeit bestimmen?

MW: Sie war im Grunde schon immer ein Antrieb für meine Arbeit. Ich wurde in unserem heutigen Stadtteil Naunheim geboren und engagiere mich für meine Stadt seit ich 20 bin. Wenn ich zurückblicke, hat sich doch sehr viel verbessert. Aber man sollte sich davor hüten, sich darauf auszuruhen. Das meint der Satz: „Es gibt nichts, was nicht noch besser werden könnte.“ Und er wird ganz sicher auch meine zukünftige Arbeit bestimmen.