Harald Semler, Wirtschaftsdezernent der Stadt Wetzlar. (Bild: Maik Scharfscheer)
Harald Semler, Wirtschaftsdezernent der Stadt Wetzlar. (Bild: Maik Scharfscheer)

Stadt Wetzlar

Harald Semler

Wirtschaftsdezernent Harald Semler ist seit Juni 2010 im Amt. Im Interview spricht er über Wetzlar heute und morgen, über Chancen und Visionen.

W3+: Herr Semler, Sie haben Ihr Amt angetreten, als die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise sich ebenso unverhofft zu verflüchtigen begann, wie sie gekommen war. Haben Sie das auch so erlebt?

Harald Semler: Mit Blick auf die Auftragslage in unseren Unternehmen bin ich überaus dankbar für die aktuelle Entwicklung. Die Beschäftigungszahlen sind so gut wie nie. Das ist hervorragend. Allerdings ist unsere Gewerbesteuer bezogen auf das Jahr 2008 in 2009 um ca. 60 Prozent gesunken. Das muss verkraftet werden. Die Entwicklung bei den Unternehmen wird sich mittelfristig aber auch positiv auf die Stadt auswirken.

W3+: Die Stadt Wetzlar hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine gewachsene Tradition erfolgreich in die Zukunft zu führen. Das gilt insbesondere für das Branchenprofil in den Bereichen Optik, Elektronik und Mechanik. Wo sehen Sie die besonderen Chancen der Wirtschaftsregion?

Harald Semler: Unsere Firmen sind überwiegend mittelständige Familienunternehmen. Die damit verbundene Unternehmensphilosophie hat üblicherweise bezüglich der Firmenentwicklung einen weiten Zeithorizont. Darüber hinaus ist der Anspruch an Qualität und Verlässlichkeit, bezogen auf die Produkte als auch gegenüber den Kunden, überdurchschnittlich hoch. Unsere Mitarbeiter identifizieren sich mit den Produkten ihrer Firmen. Was uns besonders gut tut, ist deren Verbundenheit mit unserer Region. Dass jetzt die bestehende Vernetzung einzelner Firmen, die seit Jahrzehnten gewachsen ist, aus den Unternehmen heraus gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung organisiert wird, macht uns noch stärker. Sowohl in der inneren Vernetzung als auch im geschlossenen Auftritt nach außen. Das wird uns helfen – zum Beispiel auch in der Akquise von Forschungsgeldern, die bisher an unserer Region vorbeigeflossen sind.

W3+: Wetzlar ist als Wirtschaftsstandort attraktiv, aber die Stadt muss den Unternehmen und vor allem den Mitarbeitern auch als Lebensraum einiges bieten. Wie schaffen Sie das?

Harald Semler: Hier in Wetzlar trifft sich im wahrsten Sinne des Wortes Lahn und Dill. Damit wird deutlich, dass unsere Einwohner entlang der Flüsse und in dem darin eingeschlossenen Bergland eine über Generationen gewachsene Verbindung in unserer Stadt haben. Dies wird besonders deutlich, wenn wir uns mit der wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region beschäftigen. Bergbau und die Verhüttung sind der gemeinsame Ursprung der gesamten Region. Deutlich wird dies heute noch, wenn wir uns das Gebiet unseres Arbeitsamtsbezirkes wie auch das der IHK Lahn-Dill vor Augen führen.

W3+: Der Konkurrenzkampf zwischen den Städten betrifft insbesondere den Wettbewerb um die besten Fachkräfte. Wie würden Sie einen Auswärtigen davon überzeugen, zum Leben und Arbeiten nach Wetzlar zu kommen?

Harald Semler: Unsere Stadt hat bereits im Jahr 2000 etwa 10.000 persönliche Kontakte von Gästen mit dem Tourist-Informationsbüro gezählt. Hierin sind weder die telefonischen noch schriftlichen Kontakte enthalten. Bis zum vergangenen Jahr hat sich die Zahl ständig erhöht, sodass wir mittlerweile über 30.000 persönliche Kontakte zählen können. Das macht deutlich, welch einen Schub wir in der Zentralitätswahrnehmung hatten. Damit das so bleibt, wird zurzeit eine Stadtentwicklungskonzeption erarbeitet. Das Interesse von Investoren an unserer Stadt wach zu halten, ist ein weiterer wichtiger Punkt. Für mich hat das viel mit Lebensgefühl im direkten Umfeld zu tun. Unsere Stadt ist architektonisch sehr ansprechend. Sie hat eine sympathische Geschichte. Wetzlar bietet ein für unsere Größenverhältnisse weit überdurchschnittliches Kulturangebot. Als Stadt des Sportes sind wir überaus attraktiv. Im Übrigen ist unsere Anbindung an das überregionale Fernverkehrsnetz so attraktiv, dass wir gut am Puls der Welt angebunden sind.

W3+: Beim Hessentag 2012 hat Wetzlar die große Chance, sich als lebenswerte Stadt und Wirtschaftsstandort zu empfehlen. Was haben Sie für dieses Großereignis geplant?

Harald Semler: Eine Vielzahl von großen Infrastrukturmaßnahmen, die unserer Stadt nachhaltig gut tun werden, sind auf dem Weg. Beispielhaft nenne ich den Bahnhof mit Vorplatz, Busbahnhof und Park & Ride-Anlage. Darüber hinaus werden wir während des Hessentages neben der Präsentation der Stadt im Allgemeinen eine Besonderheit in der Bahnhofstraße mit der Straße der Wissenschaft und Bildung präsentieren. Dort werden wir mit der Industrie, der Handwerkerschaft, den Schulen und Hochschulen unseren Wirtschaftsstandort präsentieren.

W3+: Auf der Internetseite der Stadt Wetzlar heißt es: Zukunft ist dort, wo Bewegung herrscht. Wohin bewegt sich Ihrer Ansicht nach die Domstadt in den nächsten fünf bis zehn Jahren?

Harald Semler: Unsere Stadt hat eine enorme Dynamik. Das wird durch die Schaffung von sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen in den letzten 10 Jahren deutlich belegt. Immerhin haben wir einen Zuwachs von über 2.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen. Das Forum hat unsere Zentralität gestärkt und uns zu einer Steigerung der Kaufkraftzahlen verholfen. Eine der großen Herausforderungen für die nächsten Jahre wird die Weiterentwicklung der Innenstadt sein. Ich bin zuversichtlich, dass wir einen guten Weg vor uns haben. Die bessere Erlebbarmachung der Lahn ist ein Beispiel für die weitere mögliche Steigerung der Lebensqualität für unsere Bürger und Gäste.

Ralf Christofori

 

Weitere Informationen:

http://www.wetzlar.de/wirtschaft