Dr. Andreas Kaúfmann in der Leica Zentrale. (Bilder: Ralf A. Niggemann)
Dr. Andreas Kaúfmann in der Leica Zentrale. (Bilder: Ralf A. Niggemann)

Leica Camera

Carry On the Spirit

Dr. Andreas Kaufmann, Aufsichtsratsvorsitzender der Leica Camera AG, blickt auf die bevorstehende Fertigstellung des dritten Bauabschnitts im Leitz-Park.

2014 hat die Leica Camera AG ihre neue Unternehmenszentrale in Wetzlar bezogen. Es war eine Reminiszenz an die Geschichte und ein Aufbruch in die Zukunft. Nur zwei Jahre später erfolgte der Spatenstich für den nächsten Bauabschnitt. Im Juni 2018 wird nun der Leitz-Park III eröffnet.


W3+: Herr Dr. Kaufmann, der Leitz-Park wächst enorm schnell, mit beeindruckender Dynamik. Ist das nicht auch ein bisschen beängstigend?


AK: Wenn Sie eine unternehmerische Entscheidung treffen, müssen Sie immer ein Risiko einkalkulieren. Angst habe ich nicht, aber ich wache schon manchmal morgens auf und mache mir bewusst, was hier in den vergangenen Jahren entstand und noch entstehen wird. Dabei muss man sich klar machen, dass das Projekt Leitz-Park über lange Zeit geplant wurde, und zwar nachhaltig. Das begann 2007 mit dem Kauf des Grundstücks, 2009 mit dem ersten Bauabschnitt. 2014 haben wir die neue Unternehmenszentrale bezogen. Erst mit der Fertigstellung des dritten Bauabschnitts wird der Gesamtplan vollendet sein.

W3+: Sie meinen die Idee des offenen Campus, der mit dem aktuellen Bauabschnitt geschlossen wird?


AK: Genau. Wir haben an der Ostseite das Forum mit dem Café Leitz und den angrenzenden Firmengebäuden. Richtung Westen entsteht nun eine Art moderner Marktplatz, der von den neuen Gebäuden eingefasst wird. Beides hängt zusammen und bildet eine Einheit. Wir wollten ja von Anfang an bewusst keine bloße Ansammlung von Funktionsgebäuden, wie man sie in einem Industriegebiet erwarten würde, sondern dem Leitz-Park den Charakter eines großzügigen Stadtquartiers verleihen.

W3+: Was passiert auf dem neuen Areal?


AK: Es gibt dort verschiedene Gebäude, die sozusagen organisch aus ihrer jeweiligen Funktion heraus geplant und gebaut wurden. Das Ernst Leitz Hotel etwa muss ganz andere bauliche und ästhetische Anforderungen erfüllen als das Leica Museum und Archiv. Viel Raum nimmt der Ausbau der Leica Akademie ein. In dem „Hochhaus“ mit immerhin sechs Stockwerken werden Büros untergebracht und eine neue Firma. Zur Straße hin entsteht ein Produktionsgebäude für die CW Sonderoptic, die sich bislang ein Gebäude aus dem ersten Bauabschnitt mit der VIAOPTIC teilen musste. Zudem könnte hier das geplante Optikzentrum der THM realisiert werden, über das wir derzeit noch mit den Verantwortlichen diskutieren – hoffentlich mit Erfolg! Wir schaffen also viel Neues und mehr Platz für Bestehendes.

W3+: Die Leica Erlebniswelt war doch bisher überaus erfolgreich: 2017 hatten Sie mehr als 30.000 Besucher, Touren sind über Monate im Voraus ausgebucht. Wieso also eine Erweiterung?


AK: Die Leica Erlebniswelt ist tatsächlich ein Publikumsmagnet. Das hat uns noch mal deutlich gemacht, wie groß das Interesse an der Marke Leica und ihrer Geschichte ist. Dass Leica die Geschichte der Fotografie maßgeblich geprägt hat, ist ein ganz wesentlicher Kern unserer Marke. Das ist unbestritten. Deshalb wird es auf dem neuen Areal das Leica Museum geben. Die Möglichkeiten, die wir dort haben, gehen weit über das hinaus, was wir bislang in der Leica Erlebniswelt präsentieren konnten.

W3+: Es wird also eine „Pilgerstätte“ für alle Leica Enthusiasten?


AK: Es gibt tatsächlich viele „tiefgläubige“ Leica Enthusiasten, die – wie auch ich – inzwischen in die Jahre gekommen sind. Das Museum wird für sie ein zentraler Anlaufpunkt sein. Aber genauso wichtig ist aus unserer Sicht der Ausbau der Leica Akademie, die in den vergangenen Jahren extrem gewachsen ist. Die Nachfrage ist riesig! Und zwar nicht nur bei unseren treuen Anhängern, sondern immer mehr auch bei Leuten, die die Leica Fotografie ganz neu entdecken wollen.

W3+: Wie erklären Sie sich das?


AK: Heute ist ja im Grunde genommen jeder ein Fotograf, ohne zu wissen, was er oder sie tut. Wir gehen davon aus, dass 80 Prozent der Smartphone-Nutzer nie eine Kamera brauchen werden. Da aber heute nahezu jeder ein Smartphone benutzt, sind die restlichen 20 Prozent, die sich irgendwann für eine Fotokamera entscheiden, doch recht viele. Uns geht es darum, diesen Menschen mit der entsprechenden Begeisterung zu vermitteln, was die Kamerafotografie im besten Fall kann. Dazu trägt die Leica Akademie genauso bei wie das künftige Leica Museum.

W3+: Wer hip sein will und große Aufmerksamkeit bekommen möchte, geht nach Berlin, New York oder Tokio. Warum Wetzlar?


AK: Der Mythos Leica ist ganz eng mit Wetzlar verbunden. Wir haben Leica Stores und Leica Galerien in allen Metropolen der Erde. Die Ausstellung „Augen auf! 100 Jahre Leica Fotografie“ tourt seit 2014 rund um die Welt. In Madrid hatten wir mehr als 100.000 Besucher, momentan gastiert die Ausstellung in Rom. Auf der Weltkugel vor der Unternehmenszentrale ist Wetzlar ein kleiner roter Punkt. Aber es ist eben der entscheidende Punkt. Zudem zeigen unsere Besucherzahlen, dass wir auch hier viel Aufmerksamkeit bekommen.

W3+: Ist der Grat zwischen Herkunft und Zukunft in einem traditionsreichen Unternehmen wie Leica ein besonders schmaler?


AK: Wir wandeln ja ganz bewusst auf diesem Grat, weil bei uns die Zukunft eben besonders stark mit der Herkunft verbunden ist. Das betrifft den herausragenden Ruf der Marke und das klare Bekenntnis zum Standort Wetzlar mit allen damit verbundenen Investitionen. Und es schlägt sich auch in der Entwicklung neuer Produkte nieder, bei dem wir ein Credo verfolgen, das mehr ist als nur ein Glaubenssatz: Wo Leica drauf steht, muss auch Leica drin sein. Das gilt für alle Produkte, für die Leica M genauso wie für die Leica Q oder die neue Leica CL.

W3+: Als Pietist könnte man sagen: Macht eure Arbeit, verkauft Kameras. Man hat den Eindruck, dass es Ihnen jedoch immer um mehr ging. Liegt es in Ihrer Natur, dass Sie als Geschäftsmann den Begriff Unternehmenskultur immer von beiden Seiten betrachten: also das Unternehmen und die Kultur?


AK: Ja, schon. Aber das ist nichts, was ich mir allein auf die Fahnen schreiben will. Die verschiedenen Generationen der Leitz Familie waren kulturell und gesellschaftlich extrem engagiert. Und sie haben auch eine beeindruckende Unternehmenskultur geschaffen. Das können wir natürlich nicht eins zu eins replizieren, weil die Zeiten damals andere waren. Aber wir können das Bewusstsein weitertragen. Das versuche ich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln.

W3+: Angenommen, Ernst Leitz, Oskar Barnack und Max Berek würden für einen Tag auf die Erde zurückkommen und sich auf eine gemeinsame Tour durch den Leitz-Park begeben. Was würden sie wohl sagen?


AK: Ein Teil meiner Familie stammt aus Berlin und war sehr preußisch geprägt. Da bestand das höchste Lob, das einem zuteil werden konnte, in dem Satz: „Das hast du ganz ordentlich gemacht.“ So ähnlich stelle ich mir das auch aus dem Munde von Ernst Leitz, Oskar Barnack und Max Berek vor. (Lacht) Ich weiß ja nicht, ob die drei auch die schwierigen Jahre der Firma von oben miterlebt haben – aber angesichts dessen wären sie auf die heutige Entwicklung vielleicht sogar ein bisschen stolz. Wenn ich könnte, würde ich die drei am 15. und 16. Juni zur Eröffnung des Leitz Park III einladen und persönlich durch unsere heutige Leica Welt führen.

 

Weitere Informationen:

www.leica-camera.com