Andreas Tielmann, Hauptgeschäftsführer der IHK Lahn-Dill. (Bilder: Ralf A. Niggemann)
Andreas Tielmann, Hauptgeschäftsführer der IHK Lahn-Dill. (Bilder: Ralf A. Niggemann)

IHK Lahn-Dill

Blick nach vorn

Die IHK Lahn-Dill feiert in diesem Jahr ihr hundertfünfzigstes Jubiläum. Hauptgeschäftsführer Andreas Tielmann spricht über die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Wirtschaftsregion.

Es wäre übertrieben, den holzvertäfelten Saal der Geschäftsstelle Wetzlar als altehrwürdig zu beschreiben. Denn neben dem Hauch der Geschichte ist dort auch ein Wind der Veränderung zu spüren. Andreas Tielmann jedenfalls macht deutlich, dass die Geschichte der IHK und der Industrieregion seit jeher und bis heute von Veränderungen geprägt war. Im positiven Sinne.

W3+: Herr Tielmann, viele Leute behaupten, früher sei alles besser gewesen. Wie sehr prägt diese Haltung die Feiern zum hundertfünfzigsten Jubiläum der IHK Lahn-Dill?

Andreas Tielmann: Eigentlich gar nicht. Früher war ganz sicher nicht alles besser, aber vieles anders. So ein Rückblick in die Geschichte ist ja nicht per se mit Nostalgie verbunden, sondern eröffnet auch die Möglichkeit, die Gegenwart und Zukunft in ein anderes Licht zu rücken. Die Geschichte ist für uns vor allem deshalb ein Vorbild, weil sie zeigt, wie es aus einer Zukunftsorientierung heraus immer wieder gelungen ist, große Herausforderungen zu meistern. Das gilt heute genauso wie früher.

W3+: Was waren damals die großen Herausforderungen?

AT: Die Gründungsgeschichte der IHK Lahn-Dill fällt ja in die Zeit der Industrialisierung. Im Zuge dessen wurden Rohstoffe geborgen und industriell verarbeitet, die Produktion und Distribution von Waren und Gütern erforderte eine ganz neue Infrastruktur, was in den engen Tälern an Lahn und Dill nicht ganz einfach war. Diese Entwicklung voranzutreiben lag im Interesse der Unternehmer, aber letztlich in der Verantwortung der Fürsten- und Königshäuser. Es war die Unternehmerschaft, die bei den damaligen Feudalherren darum gekämpft hat, dass eine Industrie- und Handelskammer in ihrer Region eingerichtet wurde. Die Gründung der „Handelskammer zu Dillenburg“ im Jahr 1865 und später der IHK Wetzlar verdankt sich also einer Bürgerinitiative, die das Ziel verfolgte, die Region wirtschaftlich voranzubringen.

W3+: Die Industrie- und Handelskammern spielten also von Anfang an eine zentrale Mittlerrolle – im Interesse der Wirtschaft, aber auch im Sinne des Gemeinwohls?

AT: Es ging um beides. Im Zuge der Industrialisierung vollzog sich ja der Übergang von der agrarischen zur industriellen Produktion. Damit veränderte sich auch das soziale und berufliche Umfeld der Menschen dramatisch. Sie waren gewohnt, sich über den agrarischen Haupterwerb weitestgehend selbst zu versorgen. Die Industrie wiederum brauchte vermehrt qualifizierte Arbeitskräfte mit handwerklicher oder kaufmännischer Ausbildung. Diese Bedarfe der Unternehmen zu erkennen und die Menschen gezielt daraufhin auszubilden, war und ist eine der Kernaufgaben der Industrie- und Handelskammern. Daraus resultierte letztlich das duale Berufsbildungssystem, um das uns heute viele Länder beneiden.

W3+: Nun sind ja die angesprochenen Themen Infrastruktur und Bildung klassische staatliche Aufgaben. Inwiefern nehmen Sie politischen Einfluss?

AT: In der beruflichen Bildung sind wir die zuständige Stelle, wir organisieren die Ausbildungsgänge in enger Zusammenarbeit mit den Berufsschulen. Im Bereich der Infrastrukturplanung treten wir als Träger öffentlicher Belange auf. Das klingt technokratisch, ist aber tatsächlich mit sehr konkreten Anliegen verbunden. Wenn etwa der Staat eine Autobahn von A nach B bauen will oder eine Kommune ein neues Gewerbegebiet plant, muss die IHK zwingend eingebunden werden. Diese starke Position resultiert nicht aus einem überkommenen Erbrecht, sondern aus der besonderen Kompetenz und Weitsicht der regionalen Industrie- und Handelskammern. Aus dieser Stärke heraus beraten wir die Politik, um aktuelle Bedürfnisse der Region genau einzuschätzen und entsprechende politische Entscheidungen mit Blick auf die Zukunft positiv beeinflussen zu können.

W3+: Was kann man aus der Geschichte für die Zukunft lernen?

AT: Sehr viel! Wir sind keine Region, in der Milch und Honig fließt – oder anders gesagt: in der Bodenschätze über Jahrzehnte hinweg Wachstum und Wohlstand beschert hätten. Wir sind auch keine Region, die sich auf eine einzige Branche gestützt hat. Das heißt, die Wirtschaft musste sich immer wieder neu erfinden, um eine Zukunft zu haben. Nehmen Sie zum Beispiel die Isabellenhütte in Dillenburg, eines der ältesten Industrieunternehmen in Hessen. Erstmals urkundlich erwähnt wird die „Kupferhütte“ im Jahr 1482. Seit 1827 ist sie im Besitz der Familie Heusler. Heute ist die Isabellenhütte Heusler einer der weltweit führenden Hersteller von innovativen Legierungen für Präzisions- und Leistungswiderstände. Die Firma Weiss Chemie + Technik wiederum hat vor genau zweihundert Jahren als Leimsiederei in Haiger begonnen. Heute setzen die Flächen-, Konstruktions- und Spezialklebstoffe von Weiss Maßstäbe.

W3+: Heißt das, dass sich die Region vor allem durch einen besonderen Mut zur Veränderung auszeichnet?

AT: Ich glaube, das ist vor allem eine Mentalität, die die Menschen hier in der Region auszeichnet: Sie wurden schon immer von einem Blick nach vorn angetrieben. Schwer zu sagen, ob der angesprochene Mut aus der Not geboren wurde oder schon vorher angeboren war (lacht). „Mut bewegt“ ist ja nicht zufällig das Motto unseres Jubiläumsjahres, und es ist vor allem der Mut der vielen Mittelständler, der die Industrieregion nach vorne gebracht hat. Hinzu kommen innovative Unternehmen wie Buderus, ohne die sich die Industrieregion im Lahn-Dill-Kreis an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert vielleicht anders entwickelt hätte, ganz sicher nicht so schnell. Und natürlich haben Unternehmerpersönlichkeiten wie Ernst Leitz in diesem Zusammenhang Herausragendes geleistet, wenn man bedenkt, unter welchen Umständen er zunächst die Mikroskopie, dann die Fotografie und quasi nebenbei auch noch die Messtechnik revolutionierte. Aus diesem Weltunternehmen heraus haben viele Leitzianer wiederum eigene hochspezialisierte Unternehmen gegründet.

W3+: Sie sprechen von Spezialisierung, man könnte auch von Vielfalt sprechen.

AT: Richtig. Dabei muss man jedoch genauer hinschauen. Spezialisierung kann ja dazu führen, dass sich eine ganze Region von einer einzigen Branche abhängig macht. Das war in unserer Region nie der Fall. Hier hat die Spezialisierung zu einer Ausdifferenzierung geführt. Im Zuge dessen entstanden viele kleinere hochspezialisierte Unternehmen, die flexibel und schnell reagieren können. Dasselbe gilt für die Branchenvielfalt in der Region. Die Säulen der Industrieregion sind natürlich die Metallverarbeitung und die Optik, aber es gibt mindestens ebenso starke Unternehmen in der Keramik- und Kunststoffverarbeitung, im Maschinen- und Formenbau, in der Elektronik, Sensorik und so weiter.

W3+: Ist diese kleinteiligere Struktur ein Vorteil?

AT: Wenn man sich die weltwirtschaftliche Entwicklung der jüngsten Vergangenheit anschaut, muss man sagen: eindeutig ja! Massenkompatible Produktion findet heute ganz woanders statt. Die Unternehmen der Region haben sich demgegenüber auf ihre ureigenen Kompetenzen in hochwertigen Nischen besonnen. Dieses Know-how wird weltweit geschätzt. Bei einer kleinteiligen Struktur kommt es aber umso mehr darauf an, dass alle Teile zusammenwirken und ihre gemeinsamen Stärken ausspielen. Damit meine ich die Vernetzung der Branchen, aber auch den Einsatz der Unternehmen, die sich mehr und mehr für ihre Region einsetzen.

W3+: Wie äußert sich die Bündelung regionaler Kräfte konkret?

AT: Die vergleichsweise junge Initiative Studium Plus an der Technischen Hochschule Mittelhessen ist ein sehr prägnantes Beispiel. Hier engagieren sich – geboren aus einem Arbeitskreis bei unserer IHK – viele Unternehmen der Region, weil sie alle ein gemeinsames Ziel verfolgen: qualifizierte Nachwuchskräfte für die Zukunft ihrer Unternehmen auszubilden. Enorm viel hat das Industrienetzwerk Wetzlar Network in der Region bewegt, weil es die Bereiche Optik, Elektronik und Mechanik stärkt, aber auch nach innen und außen vernetzt. Aus der Zusammenarbeit zwischen dem Wetzlar Network und der IHK ist wiederum die Initiative für eine Stiftungsprofessur „Optische Technologien“ und das geplante Optikzentrum in Wetzlar hervorgegangen. Das Engagement der Unternehmen für dieses zukunftsweisende Projekt ist wirklich bemerkenswert. Und es zeigt einmal mehr, wie sehr die Bündelung regionaler Kräfte jeden Einzelnen und alle zusammen weiterbringen kann.

W3+: Es spricht also alles für eine rosige Zukunft?

AT: Ob die Zukunft rosig ausfallen wird, hängt von vielen Faktoren ab, die wir naturgemäß nicht alle beeinflussen können. Aber wir können in unserem Aktionsradius die Voraussetzungen dafür schaffen. Nach meiner Einschätzung war die Region wirtschaftlich noch nie so gut aufgestellt wie heute. Das betrifft die Innovationsfähigkeit der Region, die einzigartige Kompetenzdichte und die vielen Initiativen zur Sicherung qualifizierter Fachkräfte. Hinzu kommt die angesprochene Mentalität der Menschen in der Region, die von Mut, Verantwortung und einem ausgeprägten Blick nach vorn angetrieben werden. Wenn wir es schaffen, diese Kultur, die uns in der Vergangenheit stark gemacht hat, in die Zukunft zu tragen, dann haben wir allen Grund optimistisch zu sein.

 

Weitere Informationen:

www.ihk-lahndill.de