Sebastian Haury (links) mit Holger Fritze, Hauptgeschäftsführer von Hexagon Metrology. (Bild: Ralf Christofori)
Sebastian Haury (links) mit Holger Fritze, Hauptgeschäftsführer von Hexagon Metrology. (Bild: Ralf Christofori)

Hexagon Metrology

Auf eigenen Beinen in die Zukunft

Seit März 2013 leitet Sebastian Haury das Kinderdorf Guarabira in Brasilien. Nun war er vier Wochen in Deutschland und schaute auch in Wetzlar vorbei. Seine Kollegen von Hexagon Metrology wollten alles ganz genau wissen – und so erzählte Haury von seinen ersten Monaten im Kinderdorf und einer denkwürdigen ersten Halbzeit, die er in Brasilien hautnah miterlebte.

Die Frage, wie er sich als Deutscher in Brasilien fühlen würde, hatte sich für Sebastian Haury so eigentlich nie gestellt. Schließlich ist er mit einer Basilianerin verheiratet und hatte schon in den 1990er-Jahren als Freiwilliger zwei Jahre in Brasilien gelebt. Im Sommer 2014 aber hat sich Haury diese Frage dann doch gestellt. Es ging um Fußball. Natürlich. Und wenn es in Brasilien um Fußball geht, kommt man um Gefühle nicht herum. Überall. Auch in Guarabira, das ziemlich genau zwischen den WM-Spielstätten Natal und Recife im Nordosten von Brasilien liegt.

Die WM im eigenen Land wurde gefeiert. Zumindest bis zu jenem Tag, an dem in Belo Horizonte das Habfinale zwischen dem Gastgeber und dem Gast Deutschland stattfinden sollte. „In den Tagen vor dem Spiel kamen immer wieder Freunde, Kinder und wildfremde Menschen auf mich zu und entschuldigten sich schon mal vorab dafür, dass für Deutschland nun leider das Turnier zu Ende sein würde“, erinnert sich Sebastian Haury. „Alle waren sehr emotional und völlig überzeugt, dass ihre Seleção gewinnen werde.“ Emotional waren die Reaktionen auch während und nach dem Spiel, aber eben anders als gedacht. Das Ergebnis ist bekannt. „Am Tag danach war ich es, der sich bei den Brasilianern entschuldigte“, schmunzelt Haury.

Sebastian Haury auf Kurzbesuch in Wetzlar

Jetzt, während seiner Reise durch Deutschland muss Sebastian Haury immer wieder davon berichten, wie er sich als Deutscher in Brasilien fühlt. Vier Wochen ist er in seiner „alten“ Heimat unterwegs, um von seinen neuen Aufgaben zu berichten, die er seit März 2013 im Kinderdorf Guarabira bewältigt. Er trifft sich mit Förderern und Unterstützern – und das sind nur zwei von mehreren Gründen, warum Haury auch bei Hexagon Metrology Station macht. Das Unternehmen unterstützt ihn bei seiner Arbeit in Brasilien und es fördert das Kinderdorf Guarabira mit 5.000 Euro jährlich. „Das ist natürlich großartig für mich und für das Kinderdorf, und dafür danke ich Hexagon ganz herzlich“, betont Haury.

Nur wenige Stunden verbringt Sebastian Haury bei Hexagon Metrology in Wetzlar, aber es erscheint doch eher so, als wäre er nie weg gewesen. Die beiden Geschäftsführer Holger Fritze und Arno Seuren wollen alles ganz genau wissen: über das Kinderdorf und die Kinder, das Leben und die Arbeit in Brasilien, über Risiken und Nebenwirkungen. Die Kollegen vom Product Line Management und aus der Entwicklung und Produktion entführen Sebastian Haury, um ihm die neuesten Produktentwicklungen vorzuführen. Man merkt an seinem Enthusiasmus, dass er all das keineswegs hinter sich gelassen hat. Immer wieder wird er nach dem Verhältnis zwischen Deutschen und Brasilianern gefragt: Wie ist das dort? Und was ist anders?

Fußball, Leben und Arbeit in Brasilien

„Auch wenn in Brasilien der Fußball ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist, so hat doch das Leben dort ganz andere Dimensionen“, sagt Haury. Und er macht deutlich, dass es in Guarabira geprägt ist von kaum vorstellbaren Kinderschicksalen, aber eben auch von der Hoffnung, das Leben dieser Kinder entscheidend zu verbessern. Haurys Helden sind nicht Neymar oder Hulk. Sie heißen Alisson, Jandeilson, Manuelzinho oder Alexandre. Sie sind 8, 12, 13 und 15 Jahre alt und jeder von ihnen hat seine ganz eigene Geschichte. Alexandres Vater hatte seine Mutter vor seinen Augen umgebracht, sein Vater wurde später wegen Drogenschulden erschossen. Die Mutter von Alisson hat in einem Anfall ihr Haus angezündet, sein Vater übernachtet notdürftig in Stundenhotels. Auf der Straße zu leben, hieße für alle vier Jungs, sich nahezu chancenlos den kriminellen Dogenkartellen auszuliefern oder erst gar nicht zu überleben: Noch immer werden in Brasilien jeden Tag elf Kinder und Jugendliche umgebracht.

Rund 230 Kinder und Jugendliche sind im Kinderdorf untergebracht. Die meisten kommen aus den umliegenden Armenvierteln und besuchen die hervorragende Schule. 60 Babys und Kleinkinder werden im Kindergarten betreut. „Weltweit gesehen ist das Kinderdorf Guarabira ein Tropfen auf den heißen Stein. Für Alisson, Jandeilson, Alexandre, Manuelzinho und viele andere hingegen bedeutet dieser Tropfen einfach alles.“ Dass sie im Kinderdorf besonders gut betreut werden, ist unter Jugendrichtern und Regierungsvertretern bekannt. Diesen guten Ruf verdankt die Einrichtung vor allem ihrem Gründer Gerd Brandstetter, der 1969 erstmals als Priester nach Brasilien kam. Vor 23 Jahren gründete Padre Geraldo das Kinderdorf Guarabira und machte es zu dem, was es heute ist. „Das ist eine unglaubliche Lebensleistung“, betont Sebastian Haury. „Im Jahr 2015 feiert Padre Geraldo seinen achtzigsten Geburtstag – und nicht nur dieses Datum hat ihn dazu bewogen, sich vermehrt über die Zukunft des Kinderdorfs Gedanken zu machen.“

Persönliches Engagement, Vertrauen und Managementqualitäten

In diesen Gedanken spielt Sebastian Haury eine zentrale Rolle. „Meine Aufgabe besteht nicht etwa darin, irgendwann die Nachfolge von Padre Geraldo anzutreten, sondern das Kinderdorf auf eine Zukunft ohne uns beide vorzubereiten. Personell und finanziell.“ Um dies zu bewältigen, braucht es viel persönliches Engagement, Vertrauen und auch jene Managementqualitäten, die Haury sozusagen von Berufswegen mitbringt. Was eine Zielvereinbarung ist, hat der Product Line Manager von Hexagon Metrology nicht verlernt. Die gibt es auch für das Kinderdorf.

Der Zukunftsplan für das Kinderdorf Guarabira sieht zum einen vor, die lokale Führungsriege innerhalb eines Netzwerks brasilianischer Institutionen, wie Jugendamt und Jugendgericht, zu stärken und auszubauen. „Auf diesem Weg soll das Führungsteam komplett ‚brasilianisiert‘ werden.“ So wurde vor einem halben Jahr eine neue Mitarbeiterin eingestellt, die das lokale Netzwerk und die Zusammenarbeit an der Schnittstelle zwischen dem Kinderdorf und dem deutschen Trägerverein Kinderdorf Guarabira e.V. in Altötting maßgeblich unterstützt und ausbaut.

Unterstützer im In- und Ausland gewinnen

Ein weiterer entscheidender Faktor ist für Sebastian Haury die nachhaltige Finanzierung des Kinderdorfes Guarabira: „Wir haben derzeit einen Finanzierungsanteil von rund 80 Prozent aus Deutschland und rund 20 Prozent aus Brasilien. In den kommenden Jahren wollen wir den Finanzierungsanteil aus Brasilien deutlich erhöhen.“ Entsprechend wichtig ist es, die staatlichen Behörden und die Privatwirtschaft der Region für das außergewöhnliche Projekt zu gewinnen. Dazu bedarf es bisweilen auch ungewöhnlicher Ideen. So hat Haury gerade einen Vertrag mit dem staatlichen Wasserversorger ausgearbeitet, der darauf basiert, dass brasilianische Spender über ihre Wasserrechnung einen monatlichen Beitrag zum Kinderdorf leisten können. Darüber hinaus erfordert der Aufbau eines lokalen Spendensystems entsprechende PR- und Marketingkampagnen, so Haury: „Ein Team von ‚Top-Verkäufern‘ muss aufgebaut werden, die nicht Leitz Infinitys verkaufen, sondern um soziales Engagement werben.“

Die Frage der Kollegen von Hexagon Metrology, ob denn das eine einfacher sei als das andere, beantwortet Sebastian Haury mit einem diplomatischen „Jein“. Er muss es wissen, denn er kennt beide Welten. Und die sind – ob man nun über Messtechnologien oder Menschenleben spricht – ziemlich weit voneinander entfernt. „Die Arbeit im Kinderdorf ist sicher intensiver“, sagt Haury, „denn die Schicksale der Kinder und Jugendlichen, die Konflikte zu bewältigen, das alles geht einem sehr nahe. Die Momente der Freude über alles, was wir für die Kinder erreichen, sind dafür aber umso überwältigender.“ Und wie sehen neben den Zielvereinbarungen für das Kinderdorf die Zukunftspläne von Sebastian Haury aus? „Meine Pläne hängen mit den Zielvereinbarungen für das Kinderdorf eng zusammen. Denn ich möchte das Projekt auf jeden Fall erfolgreich abschließen. Das heißt, ich werde als ‚Presidente‘ die Leitung abgeben, sobald das Kinderdorf Guarabira auf eigenen Beinen in die Zukunft läuft. Das ist mein Ziel.“

 

Weitere Informationen:

http://www.amecc.org.br
www.facebook.com/kinderdorfguarabira

Kontakt:

Sebastian.Haury@amecc.org.br

Spendenkontakt:

G. B. - Kinderdorf Guarabira e.V.
VR meine Raiffeisenbank Altötting-Mühldorf
IBAN:
DE78 7106 1009 0000 6062 35

BIC: GENODEF1AOE

 

Inzwischen ist Sebastian Haury im Kinderdorf Guarabira angekommen. (Bilder: privat)
Inzwischen ist Sebastian Haury im Kinderdorf Guarabira angekommen. (Bilder: privat)
V.l.n.r.: Padre Geraldo (Gründer des Kinderdorfs), Bürgermeister Zenobio Toscano, Sebastian Haury, Marcus Diogo (Vorstandsmitglied des Kinderdorfs), Roy Heron von Condor (Unterstützer).
V.l.n.r.: Padre Geraldo (Gründer des Kinderdorfs), Bürgermeister Zenobio Toscano, Sebastian Haury, Marcus Diogo (Vorstandsmitglied des Kinderdorfs), Roy Heron von Condor (Unterstützer).