Historischer Blick auf die Leitz-Werke in Wetzlar. (Bilder: Hans Saebens)
Historischer Blick auf die Leitz-Werke in Wetzlar. (Bilder: Hans Saebens)

Stadt Wetzlar

Bild einer Stadt

Die Fotografien von Hans Saebens aus dem 1949 erschienenen Buch „Wetzlar – Bild einer Stadt“ galten lange Zeit als verschollen. David Pitzer und Lars Netopil haben die Leica-Aufnahmen wiederentdeckt.

Das Buch „Wetzlar – Bild einer Stadt“ erschien anlässlich des zweihundertsten Geburtstags Johann Wolfgang von Goethes. Der Jubilar selbst kam darin nur am Rande vor. Im Zentrum standen die Leica-Fotografien von Hans Saebens: Momentaufnahmen, die vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Wetzlar und seine Menschen, das Stadtbild und was davon übrig geblieben war, ins Bild setzten. 1949 wurde das Buch in erster Auflage veröffentlicht. Im Oktober desselben Jahres überreichten die Buderus’schen Eisenwerke den Bildband „mit vorzüglicher Hochachtung“ an die Freunde des Hauses.

Hans Saebens’ Aufnahmen der Wetzlar-Serie

Im Juni 2012 ist es Lars Netopil und David Pitzer gelungen, die beeindruckenden Aufnahmen der Wetzlar-Serie zu einer Ausstellung zusammenzustellen. Für den deutschen Künstler und Fotografen Hans Saebens hatten sich die beiden Kenner aus Wetzlar schon länger interessiert. 24 originale Abzüge (sogenannte „Vintage Prints“), die Saebens 1949 in dem Buch „Wetzlar – Bild einer Stadt“ veröffentlichte, befanden sich bereits in ihrer Sammlung. „In Worpswede, wo Hans Saebens die meiste Zeit seines Lebens gelebt und gearbeitet hatte, stießen wir dann auf ein ganzes Konvolut von rund 600 originalen Negativen, in einer Zigarrenkiste aufbewahrt, darunter auch die Motive der Wetzlar-Serie“, erinnert sich David Pitzer. Aus dem Erwerb der Negative wurde die Idee geboren, die gesamte Serie aus dem Buch „Wetzlar-Bild einer Stadt“ erstmals in einer Ausstellung zu zeigen: 24 Vintage Prints und 19 neue Gelatinesilberabzüge, die von den originalen Kleinbildnegativen angefertigt wurden.

Hommage an die „Stadt der Leica“

Hans Saebens (*1895 in Bremen; †1969 in Worpswede) hatte in dem Künstlerdorf Worpswede bei Bremen gelebt und vor allem die norddeutsche Landschaft gemalt und gezeichnet. 1930 entdeckte der Maler die Fotografie als neues Ausdrucksmittel. Mit seiner Leica-Kamera fotografierte er kontrastreiche Landschaftsmotive, vermehrt suchte und fand er seine Motive in städtischen Lebensräumen. Unter diesen Vorzeichen entstand auch die Wetzlar-Serie. Den Begleittext zur Erstveröffentlichung steuerte Hans Saebens’ Ehefrau Eugenie von Garvens bei. Ein ganzes Kapitel widmete sie der „Stadt der Leica“. Darin preist sie den „Werkmeister Oskar Barnack“, den Schöpfer jener „kleinen handlichen und exakten Kamera“, die „dem Bildbetrachter, dem Forscher, dem Arzt, dem Industriellen sowohl wie dem einfachen Bildbegeisterten neue Wege wies, weil sie in der Hand all dieser Menschen ein Zauberstab der Erfüllung für schlechthin ‚bildgerichtete‘ Sehnsüchte und Wünsche wurde“.

Der Leica-Fotograf setzt die Motive in Szene

Hans Saebens nutzte diesen „Zauberstab“ auf seine Weise. „Dabei zeigen die Aufnahmen, dass er ein eher untypischer Leica-Fotograf gewesen ist“, so Lars Netopil. Denn Saebens setzt zwar auf die Vorzüge seiner handlichen Leica, auf die räumliche Nähe und zeitliche Reaktionsschnelligkeit, die die Kamera ermöglicht; im Gegensatz zu Henri Cartier-Bresson aber geht es ihm nicht in erster Linie darum, den „entscheidenden Moment“ („Decisive Moment“) einzufangen. Saebens arbeitet mit Stativ, teilweise führt er Regie, um das Motiv in Szene zu setzen; andere Fotografien wiederum bezeugen sein fast schon dokumentarisches Interesse an städtebaulichen Gesamtansichten und Details.

Wetzlarer Leben zwischen Altstadt und Hochöfen

In kontrastreichen Aufnahmen dokumentiert Saebens das romanische „Heidenportal“ am Wetzlarer Dom und dessen Pfeiler, an denen sich Wetzspuren von Waffen im weichen Sandstein abzeichnen. Um den ausgebombten Domchor herum liegen Sandsteintrümmer, die bereits für den Wiederaufbau bestimmt sind. Natürlich darf der Eisenmarkt nicht fehlen, das Marktleben am Buttermarkt und der Blick auf die mittelalterliche Lahnbrücke, die vom Krieg weitgehend verschont blieb. Saebens fotografiert über die Dächer der Wetzlarer Altstadt hinweg zu den Hochöfen der Buderus-Werke. Dort formen die Gießer das Eisen, aber Saebens’ eindringliche Porträtaufnahmen lassen keinen Zweifel daran, dass auch „das Eisen das kraftvolle Antlitz des Gießers formt“. Immer wieder öffnet Saebens den Blick, die Perspektive, die ihn aus der Stadt hinausführt aufs Land: „Das Gesunde an der Wetzlarer Industriebevölkerung“, notiert Saebens in einer Bildunterschrift, sei „die Verbindung von Erwerb in der Stadt und der Arbeit auf dem eigenen Lande.“

Ein besonderer Blick für Komposition, Lichtführung und Kontrast

Die beeindruckenden Aufnahmen der Wetzlar-Serie, die Anfang Juni 2012 in der Ausstellung zu sehen waren, sind doppelt spannend. Sie zeigen zum einen die Arbeiten eines Fotografen, der mit einem besonderen Blick für Komposition, Lichtführung und Kontrast seine Motive einfing. Zum anderen schildern die Aufnahmen von Hans Saebens das Leben im Wetzlar dieser Zeit und den Status Quo der Stadt in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Nicht zuletzt dokumentieren die Bilder aus der Sicht des Künstlers und Fotografen einmal mehr den großen Anteil der Leica Kamera und der Firma Ernst Leitz an der internationalen Entwicklung der Fotografie.

 

Weitere Informationen:

www.bildeinerstadt.de

Die alte Lahn-Brücke in Wetzlar.
Die alte Lahn-Brücke in Wetzlar.
Dienstschluss bei den Leitz-Werken.
Dienstschluss bei den Leitz-Werken.
Die Altstadt von Wetzlar.
Die Altstadt von Wetzlar.