Prof. Dr. Markus Degünther bei den Industriegesprächen Mittelhessen. (Bilder: Ralf A. Niggemann)
Prof. Dr. Markus Degünther bei den Industriegesprächen Mittelhessen. (Bilder: Ralf A. Niggemann)

Wetzlar Network & THM

Wir wollen alle auffordern, ihre Ideen einzubringen

Im Januar hat Prof. Dr. Markus Degünther die neue Stiftungsprofessur für Optik und optische Technologien an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) angetreten. Im Interview spricht er über Visionen, Innovationen und mögliche Kooperationen.

Wir treffen Prof. Dr. Markus Degünther vier Wochen vor seinem Amtsantritt im Gebäude C1 der THM in Friedberg. Alles ist neu hier, nicht nur für den neuen Stiftungsprofessor. Der erste Eindruck bestätigt den fachlichen Ruf, der ihm vorauseilt, und die große Neugierde, mit der er seine Aufgabe angeht. Beste Voraussetzungen also, dass die Stiftungsprofessur eine wirkliche Bereicherung sein wird.



W3+: Herr Degünther, Sie sind promovierter Meteorologe. Erklären Sie uns bitte, was das Wetter mit der Optik zu tun hat?


MD: Meteorologie ist Atmosphärenphysik. Und in der Atmosphärenphysik sind sogenannte Strahlungsbilanzen ganz entscheidend. Was geschieht mit dem Sonnenlicht in der Atmosphäre, also etwa mit der Infrarotstrahlung? Unter diesem Blickwinkel bildet die Optik den Kern der Atmosphärenphysik. Damit habe ich mich in meiner Dissertation befasst und auch anschließend am Institut für Atmosphärenphysik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Oberpfaffenhofen.

W3+: Danach führte Sie Ihr beruflicher Weg nach Oberkochen zu Carl Zeiss SMT.


MD: Richtig. Dort habe ich im Optikdesign gearbeitet, Konzepte für optische Systeme ausgelegt und umgesetzt. Da ging es vor allem um Fertigungsanlagen und -prozesse in der Halbleiterindustrie, wo sich die Berechnungen optischer Systeme wirklich im Nanometerbereich bewegen. Und zwar bei der Produktion und Inspektion gleichermaßen. Hinzu kamen Forschungsthemen, die ganz neue Geschäftsfelder betrafen.

W3+: Das heißt, Ihr Wissen basiert auf jeder Menge Erfahrung?


MD: Das theoretische Wissen gehört zu den Grundvoraussetzungen. Mindestens genauso wichtig ist aber das anwendungsbezogene Wissen, das darauf abzielt, die Gesetzmäßigkeiten der Optik praktisch zu nutzen und produktiv einzusetzen. Da sind ein fundiertes Wissen und ein weiter Erfahrungshorizont tatsächlich unabdingbar. Zumal heute kaum ein optisches System in der Anwendung für sich allein funktionieren muss, sondern fast immer im Zusammenspiel hochkomplexer elektromechanischer Zusammenhänge.

W3+: Sie haben neben Ihrer Tätigkeit bei Carl Zeiss SMT auch als Dozent an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heidenheim gelehrt. Sie kennen also die Industrie und den Hochschulbetrieb. Sehen Sie die Stiftungsprofessur an der THM als eine ähnliche Konstellation unter anderen Vorzeichen?


MD: Meine Erfahrung in beiden Bereichen ist sicher wertvoll, wenn man sich das Profil der Stiftungsprofessur anschaut. Für mich ist die Forschung das Kerngeschäft, und zwar sowohl im Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen an der THM, als auch mit Vertretern aus der Industrie. Was ich großartig finde, sind die Kompetenzzentren an der THM, in denen Experten aus verschiedenen Disziplinen an gemeinsamen Themen arbeiten. Das reicht von der Materialforschung über die Bio- und Informationstechnologie bis zur Nanotechnik und Photonik. Ich habe ja bereits erläutert, dass das Fachgebiet Optik und optische Technologien viele Anknüpfungspunkte bietet. Da sehe ich großes Potenzial, das ich nutzen möchte.

W3+: Auch in der Lehre?


MD: Ja, klar. Das liegt sozusagen schon in der Natur der Sache. Die Optik gilt als eine der Schlüsseltechnologien für die Zukunft. Nehmen Sie zum Beispiel die zukunftsweisenden Themen Industrie 4.0, autonomes Fahren oder die Produktion von Semikonduktoren – ohne Optik geht da gar nichts. Das bedeutet wiederum, dass Schlüsselqualifikationen aus dem Bereich der Optik etwa in den Studiengängen Physikalische Technik, Maschinenbau oder Technische Informatik immer wichtiger werden.

W3+: Inwiefern können und wollen Sie da auch eigene Schwerpunkte setzen?


MD: Was mich besonders interessiert, ist der Bereich dreidimensionaler Visualisierungen. Da geht es nicht etwa um die Revolution der 3D-Brille, sondern um komplexe räumliche Visualisierungstechnologien, die beispielsweise in der 3D-Messtechnik zur Anwendung kommen könnten. Um Wahrnehmen und Vermessen geht es auch bei der sogenannten „augmented reality“ oder beim „Internet der Dinge“. Diese Forschungsbereiche sind geradezu prädestiniert dafür, interdisziplinär bearbeitet zu werden.

W3+: Und es sind Themen, die auch in der Industrie als Innovationstreiber gelten.


MD: Stimmt. Meine Funktion und Aufgabe zielt in zwei Richtungen: zum einen an Themen zu arbeiten, die in der Industrie schon eine gewisse Relevanz haben; zum anderen Projekte zu antizipieren, für die man die Industrie erst begeistern oder gewinnen muss. In beiden Fällen ist der enge Austausch mit den Unternehmen in der Region essenziell. Darauf freue ich mich besonders.

W3+: Das heißt, Sie werden in Ihrer Rolle auch intensiv kommunizieren und moderieren müssen?


MD: Ich denke schon. Mir ist viel daran gelegen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, was in der Kooperation zwischen Industrie und Hochschule alles entstehen kann. Dass große Konzerne die Entwicklungskompetenz von Hochschulen und Forschungseinrichtungen nutzen, ist ja weit verbreitet. Die vielen innovativen kleinen und mittelständischen Unternehmen in der Region tun sich da schwerer. Aus deren Sicht ist die Kooperation mit Hochschulen meist weit weg, mit hohem bürokratischen oder organisatorischen Aufwand verbunden. Diese Schwellenangst wollen wir unbedingt überwinden.

W3+: Die Stiftungsprofessur wird von zwölf Unternehmen aus der Region in den nächsten fünf Jahren mit insgesamt etwa 900.000 Euro finanziert. Haben sie sozusagen ein „Vorkaufsrecht“ auf Kooperationsprojekte?


MD: Nein, die Stiftungsprofessur ist ganz bewusst so ausgelegt, dass Kooperationen mit allen Unternehmen der Region möglich sind. Das ist auch im Stiftungsvertrag ganz klar festgeschrieben. Anfragen für Kooperationsprojekte werden alle gleich behandelt. Deshalb wollen wir auch alle auffordern, ihre Ideen einzubringen.

W3+: Wie stellen Sie sich das konkret vor?


MD: Zunächst einmal stehe ich als Ansprechpartner zur Verfügung, und ich werde auch aktiv auf die Unternehmen zugehen. Ein ganz wichtiger Baustein für das Gelingen möglicher Kooperationen wird das geplante Optikzentrum sein, das in Wetzlar entsteht. Dort schaffen wir nicht nur die technologische Grundlage für hochwertige Entwicklung und Forschung, sondern auch einen strukturellen Rahmen, in dem Projekte schnell angebahnt und effizient ins Ziel gebracht werden. Angesichts der rasanten Entwicklungen in der Optik und Elektronik können wir uns damit einen entscheidenden technologischen Vorsprung verschaffen. Davon wird letztlich sowohl die Hochschule als auch die Industrie profitieren.

 

Weitere Informationen:

www.thm.de