Die Anfänge von Leica: UR-Leica von 1914. (Bild: Reimund Schwarz)
Die Anfänge von Leica: UR-Leica von 1914. (Bild: Reimund Schwarz)

Leica Archiv

Historisch wertvoll

Leica gehört zu den geschichtsträchtigsten Unternehmen und Marken der Welt. Diese mehr als hundertjährige Tradition aufzuarbeiten und zu pflegen ist eine Mammutaufgabe, mit der drei profunde Kenner der Leica Historie betraut sind.

Siegfried Brück, Lars Netopil und Günter Osterloh arbeiten unter Hochdruck an der Aufarbeitung des Leica Archivs und der Sammlung. Sie haben wenig Zeit, aber im Gespräch sind sie kaum zu bremsen. Es ist ein Gespräch unter Experten. Kenntnisreich erzählen sie davon, wie Oskar Barnack 1914, also vor genau 100 Jahren, die erste Leica konstruierte; und sie geraten ins Schwärmen, wenn es um die Meilensteine und den Stammbaum der Leica Produktgeschichte geht, die seit Mai 2014 im Kundenforum der neuen Leica Unternehmenszentrale zu sehen sind.

 

Mehr als 100 Jahre Geschichte, Wissen und Erfahrung

Günter Osterloh verbrachte fast 40 Jahre seines Berufslebens bei Leitz. Als er 1963 dort anfing, war Siegfried Brück noch gar nicht geboren – und trotzdem ist der heutige Leiter des Leica Museums bereits über 30 Jahre in Diensten der Marke mit dem roten Punkt. Lars Netopil dürfte noch etwas jünger sein, aber auch sein Wissen reicht weit über seine Lebenszeit zurück. Gemeinsam bringen sie also rund 100 Jahre Wissen und Erfahrung auf die Waage, und wenn sich die drei Experten unterhalten, könnte man meinen, sie wären schon dabei gewesen: als Oskar Barnack 1914 die UR-Leica fertigstellte; als Leitz das erste Serienmodell Leica I auf der Leipziger Frühjahrsmesse von 1925 vorstellte; oder als 1954 mit der Leica M3 der unglaubliche Siegeszug der M-Serie begann.

Dass sie nichts davon als Zeitzeugen selbst erlebt haben, merkt man nicht. Was der eine nicht weiß, ergänzt der andere. Zusammen scheinen sie fast alles zu wissen. Günter Osterloh hat in seinem Leben schon viel über Leitz und Leica recherchiert und publiziert, darunter Bücher über die Leica R- und M-Serie, die bis heute als Standardwerke gelten. Eigentlich ist er seit 2002 Rentner, ein Ruheständler ist er nicht. Seit nunmehr zwei Jahren taucht er fast täglich in die Geschichte von Leitz und Leica ein. Für ihn ist es ein Glücksfall, für das Unternehmen ist er ein Segen.

 

Intensive Archiv- und Sammlungsarbeit

Der eigentliche Glücksfall aber, betont Osterloh, sei Dr. Andreas Kaufmann, dem als Haupteigentümer und Aufsichtsratschef der Leica Camera AG die Leica Historie ein großes Anliegen ist. Von Anfang an habe er das Bewusstsein dafür geschärft, dass das, was Leica heute ist, ganz wesentlich auf der Geschichte des Unternehmens, der Marke und seiner Produkte sowie der langjährigen Erfahrung der Mitarbeiter basiert. Und daraus resultiert wiederum ganz entscheidend der heutige Erfolg des Unternehmens. Umgekehrt gilt aber auch, dass der wirtschaftliche Erfolg des Unternehmens überhaupt erst eine intensive Archiv- und Sammlungsarbeit möglich gemacht hat.

Das war bekanntlich nicht immer so. Nach dem Gesellschafterwechsel der Ernst Leitz GmbH wurde in den 1990er-Jahren entschieden, die Produktbereiche Foto und Mikroskopie rechtlich und räumlich zu trennen. Die weltbekannte und geschützte Marke „Leica“ wurde zunächst von zwei, später von drei voneinander unabhängigen Gesellschaften zur Firmierung eingesetzt: von der Leica Camera GmbH (Solms), der Leica Microsystems GmbH (Wetzlar) und der Leica Geosystems (Heerbrugg/Schweiz). Damit verbunden war auch eine Spaltung des Leitz-Archivs. Die Aufteilung der Sammlungs- und Archivmaterialien erfolgte dabei nicht immer systematisch und konnte auch nicht trennscharf vorgenommen werden. So befindet sich etwa fast die gesamte Dokumentation aller Produktaufnahmen von Leitz – und das gilt auch für die Bereiche „Mikroskopie“ und „Feinmesstechnik“ – heute in der Obhut der Leica Camera AG. „Die ersten Aufnahmen, die Anton F. Baumann 1926 mit der Leica I machte“, erzählt Günter Osterloh, „befinden sich wiederum im Archiv von Leica Microsystems.“ Umso wichtiger sei es, dass er mit seinem Team nicht nur die eigenen Archivbestände im Auge behalte sondern auch mögliche Quellen bei den Kollegen von Leica Microsystems. „Ja, selbst in den Firmenarchiven von Zeiss, wo Oskar Barnack von 1902 bis 1910 gearbeitet hatte, bevor Ernst Leitz ihn nach Wetzlar holte, können wir auf Quellen stoßen, die für eine profunde Darstellung der Leica Geschichte wichtig sind.“

 

Unerschöpfliche Quellen der Leica Geschichte

Die systematische Aufarbeitung der Unternehmens- und Produktgeschichte ist also in der Tat ein Mammutprojekt – und es ist ein Projekt mit offenem Ende. Nicht etwa, weil sich die Verantwortlichen damit viel Zeit ließen, sondern weil die Fülle einfach überwältigend ist, so Osterloh: „Wir versuchen, all das zu erfassen, was in über hundert Jahren gesammelt wurde, und zwar in unterschiedlichsten Abteilungen und Bereichen, an verschiedenen Standorten.“ In dem Archiv, das von Günter Osterloh und seinem Team gesichtet und systematisch aufgearbeitet wird, türmen sich Werbebroschüren, Werkstatt- und Versandbücher sowie Reparaturanleitungen und Handbücher zu den einzelnen Produkten. „In der Werkstatt wurde akribisch festgehalten, wann welche Kamera geprüft worden ist, wann sie in den Versand kam, mit welcher Ausrüstung und welchem Objektiv sie an wen ausgeliefert wurde“, erklärt Osterloh. „Allein schon diese überwiegend handschriftliche Dokumentation umfasst an die 300.000 Seiten.“

Hinzu kommt die einzigartige technisch-wissenschaftliche Bibliothek, die von Leitz Technikern und Konstrukteuren über Jahrzehnte aufgebaut, gepflegt und genutzt wurde. Sie enthält Tausende von Publikationen, die bis um 1890 zurückreichen und sich mit der Fotografie, Kinematographie, Optik und Fotochemie auseinandersetzten. Dazu zählen auch Zeitschriften, wie etwa die Photographische Rundschau, die es bereits seit 1887 gab. „Alleine die mehr als 170 Zeitschriftentitel in mehreren Jahrgängen“, so hat Osterloh errechnet, „werden rund 200 laufende Meter Regalfläche im Archiv des neuen Leica Werks füllen.“

Und weil Fotografie ja nicht nur ein technisches sondern auch ein visuelles Medium ist, befinden sich im Leica Archiv auch Unmengen an fotografischen Aufnahmen, darunter Plattenaufnahmen im Format 13 x 18 oder 9 x 12, die ab 1900 entstanden. Rund 13.000 solcher Glasplatten sind inzwischen digitalisiert, außerdem bisher über 3.000 Kleinbildnegative. Dabei handelt es sich um unternehmensbezogene Aufnahmen, aber auch um Negative und Abzüge berühmter Fotografen wie Henri Cartier-Bresson oder Jim Marshall.

 

Datierung und Zuschreibung der ersten Leica Kameras

„Wir haben das Glück, dass wir auf eine Fülle von originalen Quellen zurückgreifen können“, schwärmt Lars Netopil, Inhaber von „Lars Netopil Classic Cameras“ und Vizepräsident des Vereins Leica Historica e.V. Das betrifft nicht nur die Geschichte des Unternehmens sondern auch der Produkte selbst. So hat etwa Oskar Barnack alle wichtigen Arbeiten namentlich und chronologisch festgehalten. Diesen Notizen kann man entnehmen, dass Barnack 1912 mit der Konstruktion einer Filmkamera begonnen hat, die ein Jahr später fertiggestellt und wiederum einen Monat später in Köln erprobt wurde. Barnacks UR-Leica, die er „Liliputkamera“ genannt hat, wurde diesen Einträgen zufolge im März 1914 fertig.

Bei den späteren Produkten ist es etwas komplizierter, denn hier gibt es unterschiedliche Datierungen: Wann wurde das Produkt angekündigt? Wann wurden die ersten Produkte ausgeliefert? Wann wurde das Produkt in Form von Prospekten publiziert? Gerade bei der Datierung und Zuschreibung der ersten Leica Kameras kursierten selbst in äußerst präzise und akribisch recherchierten Publikationen unterschiedliche Angaben. So sind Experten in den 1960er-Jahren auf der Grundlage der Versandunterlagen nach bestem Wissen und Gewissen davon ausgegangen, dass es von der Leica Nullserie 30 Exemplare gab. Wie man heute ganz genau weiß, waren es nur 25 Exemplare. „Unser gemeinsames Ziel ist es, die Leica Historie auf ein systematisch aufgearbeitetes Fundament zu stellen, und zwar für alle gegenwärtigen und künftigen Forschungsvorhaben, aber auch für stichhaltige Auskünfte gegenüber Kunden, die eine historische Kamera besitzen und mehr darüber erfahren wollen“, betont Lars Netopil.

 

Der „Leica Stammbaum“ und die DNA der Marke

Ein wesentlicher Pfeiler dieses Fundaments ist die Dokumentation und Darstellung der Entwicklungsgeschichte und Modellvielfalt der Leitz und Leica Produkte. Seit Monaten arbeiten die Herren Brück, Netopil und Osterloh am „Leica Stammbaum“, der alle Kameras und deren Objektive sowie Sportoptiken von Leitz und Leica umfasst. Hier ist insbesondere die Expertise von Lars Netopil gefragt. Als Händler und Vermittler von klassischen Kameras scheint er alles über die Produkte, Produktlinien und -familien zu wissen. Im Archiv nutzte er die Originalquellen, um jedes einzelne Produkt genau zu benennen, zu datieren und zu beschreiben. Allein schon die Modellhistorie der M-Serie von 1954 bis heute in allen technischen Facetten und Modifikationen chronologisch aufzubereiten, ist ein gewaltiges Unterfangen. „Bei der Leica M3 etwa, von der zwischen 1954 und 1966 mehr als 220.000 Exemplare gefertigt wurden, gab es kleinere und größere Modifikationen, die in verschiedensten Quellen dokumentiert sind“, so Netopil. Und bei den Baureihen R und S bis hin zu den analogen und digitalen Kompaktkameras ist die Lage nicht wesentlich übersichtlicher. Mehr als 300 Exponate zählt der „Leica Stammbaum“ mitsamt der Dokumentation inzwischen. Und die Arbeit ist noch längst nicht abgeschlossen. Für Netopil ist sie, wie gesagt, ein wichtiger Beitrag zur Leica Historie, der auch künftig intensiv weiterbetrieben und gepflegt werden muss.

Dieser Stammbaum, durch den letztlich die DNA der Marke von Anfang an bis heute hindurch wirkt, ist in doppelter Hinsicht äußerst wertvoll, wie Siegfried Brück betont: „Ein präzise recherchierter Produktstammbaum ist ja nichts, was nur uns Museumsleuten nützt, sondern er ist mindestens ebenso wichtig für die Produktentwickler, die sich bei jedem Neuprodukt die Frage nach der Herkunft und Zukunft der Marke und ihrer Produkte immer wieder neu stellen. Wir arbeiten hier eng mit den verschiedenen Abteilungen zusammen, um diese wertvolle Dokumentation auch heute für die künftige Nutzung weiterführen zu können.“

Darüber hinaus wird der Stammbaum auch fester Bestandteil des Kundenforums im Leitz Park. Damit wird die Leica Historie für die Besucher erlebbar, durch Touchscreens können Hintergrundinformationen zu den einzelnen Produkten am Bildschirm abgerufen werden. Ein zweiter Anziehungspunkt für Kunden und Besucher sind die Meilensteine der Leica Historie. In elf Stelen werden bahnbrechende Kamera- und Objektiventwicklungen ausgestellt, darunter die bereits erwähnte UR-Leica von Oskar Barnack aus dem Jahre 1914 und eine Leica IA von 1925. Eine Leica II von 1932, die erste Leica Kamera mit eingebautem, gekuppeltem Entfernungsmesser für Wechselobjektive, gehört ebenso zu den Meilensteinen wie eine Leica M3 von 1954 oder eine M6 von 1984.

 

Meilensteine und Sonderausstellungen im Kundenforum

„Wir sind sehr froh, dass wir heute mehr Geschichte zeigen können als jemals zuvor“, freut sich Siegfried Brück, „auch wenn wir immer nur einen Ausschnitt aus unserer herausragenden Sammlung präsentieren können.“ Viel wichtiger aber ist dem Leiter des Leica Museums, dass die Sammlung über wechselnde Ausstellungen immer wieder zum Leben erweckt wird. Zur Eröffnung gibt es deshalb noch ein weiteres historisches Schmankerl: eine Ausstellung rund um die „Entstehung der Leica“. Denn sie kam nicht aus dem Nichts sondern ist vielmehr das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Fotografie. Vor der UR-Leica hatte Oskar Barnack bereits eine Panorama-Kamera entwickelt. Die Negative existieren noch. Das ursprüngliche Kameramodell ging jedoch verloren, weil es 1918/19 vor einer internationalen Kontrollkommission versteckt und nicht wiedergefunden wurde. Nach dem Krieg hat Barnack nochmals eine Panoramakamera mit schwenkbarem Objektiv gebaut, die in der Ausstellung zu sehen sein wird.

Nicht weniger faszinierend sind die frühesten Spielarten der Farbfotografie, die man durch das Farbauszugverfahren generiert hat. Das heißt, es wurde schwarzweiß fotografiert, eine Einstellung möglichst schnell hintereinander mit einem roten, einem grünen und einem blauen Filter. Durch drei Projektionsobjektive wurde dann das Bild auf der Basis der drei Grundfarben auf der Leinwand in „Naturfarben“ wiedergegeben. „Es ist ausgesprochen spannend, sich mit dieser frühen und doch schon vergleichsweise weit entwickelten Farbfotografie zu beschäftigen“, erklärt Günter Osterloh. Ebenfalls gezeigt werden eine Fotoausrüstung, wie sie von Oskar Barnack um 1905 benutzt worden sein könnte, sowie weitere Exponate aus den Jahren um 1900 bis 1914, darunter ein Foto, das Ernst Leitz ll 1914 mit der UR-Leica in New York aufgenommen hat.

Auch Barnack fotografierte leidenschaftlich gern und kannte alle wesentlichen Kamerakonstruktionen sowie Fototechniken sehr genau. „Sein großes Verdienst war es, dass er sie aufgegriffen und nach seinen Ideen perfektioniert hat, indem er einen völlig neuen Weg beschritt“, erklärt Günter Osterloh. Das war 1914. Dort, wo die Wechselausstellung also chronologisch endet, beginnt bekanntlich die Erfolgsgeschichte der Leica. Auf der Grundlage einer solch kompromisslosen Präzision in Perfektion hat sie nicht nur die Fotografie technisch und systemisch revolutioniert sondern auch die Kultur des Fotografierens nachhaltig verändert. Dafür steht Leica bis heute. Und selten wurde diese Geschichte so wunderbar präsentiert wie im Kundenforum der neuen Firmenzentrale.

 

Experten unter sich (v.l.n.r.): Siegfried Brück, Günter Osterloh und Lars Netopil. (Bild: Michael Agel)
Experten unter sich (v.l.n.r.): Siegfried Brück, Günter Osterloh und Lars Netopil. (Bild: Michael Agel)
Fundstücke aus dem Leica Archiv. (Bilder: Reimund Schwarz)
Fundstücke aus dem Leica Archiv. (Bilder: Reimund Schwarz)