Kinder im PIN-Hause während des Dashain-Festes im Oktober 2014. (Bilder: Walter Schwab)
Kinder im PIN-Hause während des Dashain-Festes im Oktober 2014. (Bilder: Walter Schwab)

Wetzlar – Nepal

„We are safe“

Die Erdbebenkatastrophe in Nepal ist geografisch weit weg, aber sie geht menschlich sehr nah. Walter Schwab, der sich auch bei den Fotofreunden Wetzlar engagiert, war oft dort und hat sich in das Land und die Menschen verliebt. Wie er die aktuelle Situation erlebt, beschreibt er in einem persönlichen Lagebericht.

„Bei uns ist alles o.k., uns geht es gut“, sagt Sushma am Telefon, und doch klingt die sonst fröhliche Stimme anders. Man kennt die Bilder aus den Medien, aber in diesem Moment fühle ich die Katastrophe, die ganz real und brutal am anderen Ende der Leitung vor sich geht. „We are safe“ schreibt auch unser Freund Prakash mehr als einmal auf Facebook und vertraut den Göttern, dem Schicksal und der Gemeinschaft der Menschen. Die Nächte verbringen er, seine Frau Sarita, die beiden Töchtern Priya und Suhana zusammen mit Nachbarn in seinem Garten (nicht alle haben solche Gelegenheiten). Einen Tag nach dem ersten großen Beben notiert er: „Kathmandu got quiet the whole day. The sky was blue and now the stars are glittering together with the moon. Hope the nightmare is over. God bless us all”.

Das Beben am 25. April 2015 hat Nepal ins Herz getroffen. Ministerpräsident Koirala sprach vier Tage später von 4.700 Opfern, inzwischen beklagt das Land landesweit über 8.000 Tote. Es tut weh, die Fotos und Videos der Menschen und die Zerstörungen zu sehen. „Wie werdet ihr die nächsten Wochen leben, was kann man tun?“ frage ich Sushma. Wasser, Strom und Lebensmittel fehlen, die ohnehin marode Kanalisation und ganze Straßenzüge sind kaputt. Dass die Handyverbindung funktioniert, wundert mich fast.

Kathmandu hat einen mehr oder weniger intakten aber kleinen Flughafen, kaum Straßen und bekommt damit kaum Waren von außen. Der heilige Fluss Bagmati hat Mühe, die Asche der Leichen aufzunehmen. Die meiste Zeit ist er ohnehin ein eher trüber und verschmutzter Bachlauf. Bald wird der Monsun die Trümmerberge in Schlamm verwandeln. Und das alles in einer Millionenstadt im ärmsten Land Asiens. Unsere Freundin wiederholt sich, es gehe ihnen gut, sagt sie und spricht stattdessen von den namenlosen Bergdörfern und den armen Menschen dort, denen gehe es doch viel schlechter.

Nepal ist eines der schönsten Länder der Erde – aber schutzlos den Kräften ausgesetzt, die seit 50 Millionen Jahren das mächtigste Gebirge der Welt formen. Ohne wertvolle Bodenschätze, strategisch militärisch unbedeutend und durch die zerklüftete Bergwelt kaum beherrschbar stand es nie im Fokus der Kolonialmächte. Dadurch behielten das Land und seine Kultur ihre beispiellose Ursprünglichkeit, andererseits blieben Fortschritt und Technologien lange Zeit außen vor. Erst in den 1950er-Jahren öffnete Nepal seine Grenzen. Zuerst kamen Männer mit tonnenschweren Ausrüstungen, die – auch wenn sie dabei starben oder sich die Füße erfroren – unablässig auf die höchsten Berge der Erde klettern mussten, dann die Flower-Power-Hippies, später Massen von Trekking-Touristen.

Nach den maoistischen Unruhen seit Ende der 1990er-Jahre, dem Massaker an der Königsfamilie in 2001 und dem Unglück im April 2014 am Mount Everest ist das katastrophale Erdbeben der schlimmste Rückschlag in der Entwicklung Nepals. Sushma kennt die Probleme des Landes. Nach ihrem Studium in Stuttgart ging sie zurück in „ihr“ Land und betreute seitdem viele Entwicklungsprojekte. Gemeinsam mit mehreren Frauen hat sie in Kathmandu das PIN-House (People-In-Need) gegründet. Hier leben junge Mädchen, die ansonsten elternlos auf der Straße aufwachsen würden. Finanziert wird das Haus vor allem durch Spenden, auch Freunde aus Rechtenbach und Wetzlar, die Sushma während ihrer Besuche bei uns kennenlernte, haben es unterstützt. Es ist intakt, die Mädchen sind wohlauf.

 

Weitere Informationen:

walter.j.schwab@gmail.com

 

 

Buddhistischer Mönch in Bodnath.
Buddhistischer Mönch in Bodnath.
Gebetsfahnen vor dem Annapurna Massiv.
Gebetsfahnen vor dem Annapurna Massiv.